Freuds Liebesleben. Seine eigene Triebgeschichte

Datum: 02.07.2012

Autor: Keller, Gustav

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

Keller, Gustav (2012): Freuds Liebesleben. Seine eigene Triebgeschichte. Würzburg (Königshausen & Neumann), 175 S., 19,80 Euro, ISBN: 978-3-8260-4916-3

Die tiefste Triebfeder für Freuds Forschergeist war die Frage, wie Kultur entstand und was diese Entwicklung für die Menschheit bedeute. Eine entscheidende Antwort fand er in der Sexualität, genauer gesagt in den Affekten und Gefühlen, die mit Sexualität verbunden sind. Freud half in einer prüden, gehemmten Zeit mit, das Thema Sexualität zu enttabuisieren. Und er schockierte die Fachwelt ebenso wie das gebildete Bürgertum mit der These, dass schon Säuglinge und Kleinkinder eine Art Sexualität haben.

Man könnte annehmen, dass Freud selbst mit seiner Sexualität und seinem „Triebschicksal“ nicht hinter dem Berg hielt, doch genau das ist nicht der Fall. Im Gegenteil, er war äußerst zurückhaltend, was Auskünfte über sein eigenes Sexualleben betrifft. Unser oberflächliches Bild vom Sexualpionier Freud ist das eines Mannes ohne Unterleib. Der Autor Gustav Keller, Diplom-Psychologe und Autor einiger pädagogisch-psychologischer Sach- und Fachbücher, setzt in dem 2012 erschienenen Buch Freuds Liebesleben wie ein Puzzle aus Brief- und Textstellen zusammen.

„Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der Unterdrückung von Trieben aufgebaut“, betonte Freud. Gute Sexualität schütze vor Neurosen – und umgekehrt: fehlende oder perverse Sexualität führe notwendig zur neurotischen Erkrankung. Freud beschrieb in seinem Forscherleben mehrere Mechanismen, mit denen unerwünschte Triebe abgewehrt werden. Die Sublimierung, die Verwendung von Triebenergie für kulturell höherstehende Aufgaben, trifft in besonders hohem Maße auf ihn selbst zu.

Freud wird von seiner Mutter geliebt und gesäugt. Eine von den Eltern engagierte Kinderfrau war seine „Lehrerin in sexuellen Dingen“. Er spielt an seinen Geschlechtsteilen, was dem Vater missfällt. An seiner Nichte Pauline entdeckt er angeblich zum ersten Mal die Penislosigkeit, was der Kastrationsdrohung des Vaters Glaubwürdigkeit verleiht. Das alles geschieht im ungefähr vierten Lebensjahr. Im Alter von sieben Jahren sieht er seine Mutter nackt, seine Libido ihr gegenüber erwacht. Er begehrt seine Mutter. Seinen Vater betrachtet er eifersüchtig. Die Kastrationsdrohung des Vaters begrenzen seine Inzestwünsche und erzeugen eine Vateridentifikation. All das fließt in seine Theorie ein.

In der mittleren Kindheit gelingt es ihm, seine Triebenergie zu optimieren und kulturell nutzbar zu machen; er war lernbegierig und ein sehr guter Schüler. Aus der sexuellen Neugier wird Wissbegierde. Während eines Aufenthalts in seiner alten Heimat verliebt er sich in die Tochter eines Freundes seines Vaters, kann ihr aber nicht seine Liebe gestehen. Als er erfährt, dass diese Gisela einen anderen Mann heiraten wird, verfällt er in Depressionen, die er mit einem erstaunlichen Gedicht bekämpft (es wird bei Keller abgedruckt). Seine Libido fließt nun voll und ganz in das Studium der Medizin. Zurück in Wien besucht er mit einem Freund eines der zahlreichen Wiener Freudenhäuser. Es besteht kaum Zweifel, dass er dort Geschlechtsverkehr hatte. Der sexuelle Kontakt mit jungen Frauen aus der bürgerlichen Schicht war damals absolut tabu. Die Prüderie vor über 100 Jahren war ein spezielles Problem des gehobenen Bürgertums und des Adels, während die Jugendlichen aus der Arbeiter- und Bauernschaft wesentlich ungezwungener mit dem Thema umgingen, sehr zum Verdruss der Geistlichkeit.

Im April 1882 hatte sich Freud über beide Ohren in Martha Bernays verliebt, Tochter eines Hamburger Kaufmanns, den es für einige Zeit nach Wien verschlagen hatte. Für Freud ist klar, dass er die Frau seines Lebens gefunden hat. Er ist nicht nur verliebt, sondern auch eifersüchtig. Martha versichert ihm ihre Treue. Die Verlobungszeit zieht sich hin und er versucht, den mangelnden Sexualgenuss durch exzessives Zigarrenrauchen zu kompensieren.

Die beiden heiraten im September 1886 in Wandsbek bei Hamburg. „Wo die Neuvermählten ihre Hochzeitsnacht verbringen, ist nicht bekannt. Ebenso unbekannt ist, wie Martha die erste genitale Vereinigung mit ihrem Sigi erlebt hat“ (Keller S. 73). Martha wird rasch schwanger; Freund lehnt (die damals groben) Kondome ab, da sie den sexuellen Genuss beeinträchtigen. In sechs Jahren werden zunächst fünf Kinder geboren. Martha bittet um eine sexuelle Pause, die Freude zusagt, unter der er aber leidet. Seine Laune verschlechtert sich zusätzlich durch eine 14 Monate dauernde Rauchabstinenz, empfohlen von seinem Freund Wilhelm Fließ. Freud wich auf Kokain aus. 1895 wird Anna geboren; Martha ist erschöpft und bei verzichten bewusst auf Sexualität.

Marthas Schwester Minna kommt nach Wien, um Martha beizustehen. Freud stand mit seiner Schwägerin schon früher in engem und freundschaftlichem Briefkontakt. Minna wird zu einer ständigen Mitbewohnerin in der Berggasse 19. Im Unterschied zu Martha ist sie ihm intellektuell ebenbürtig und diskutiert mit ihm seine Gedanken zur Psychoanalyse. Die stressresistente Schwägerin wird zu Freuds Reisebegleiterin, während Martha es vorzieht, sich in den Sommerferien an einem Ort zu erholen.

Im August 1898 residierenden Minna und Sigmund in einem Hotel im Engadiner Dorf Maloja als „Dr. Sigmund Freud und Frau“. Das förderte der Psychoanalytikern und Freud-Forscher Franz Maciejewski (2008) zu Tage. Nach Freuds eigener Theorie hat er in Minna seine geliebte Mutter wiedergefunden. Ob es Liebesnächte waren, die Sigmund und Minna in Majola erlebten? Keller überhaupt es, ohne dass Gewissheit herrscht. Martha geht es in den Folgemonaten nicht gut, was Keller auf Marthas Ahnung bezüglich Sigmunds und Minnas Liaison zurückführt (Keller S. 95). Die Kränkung habe sie krank gemacht. Während sich Martha erholt, wird später Minna krank. Sie laboriert an Magen-, Darm- und Herzerkrankungen, deren Ursachen sich nicht finden lassen. Keller schreibt: „Offensichtlich schlagen sich ihre Gewissensbisse in den Körpersymptomen nieder“ (S. 98). Gute Belege dafür gibt es nicht. Freud unternimmt in den Folgejahren noch mehrere Reisen mit Minna. Öfter aber reist er mit seinem Bruder Alexander, mit Martha und den Kindern.

Carl Gustav Jung berichtet, dass Minna ihm 1907 in einem vertraulichen Gespräch mitteilte, sie und Freud seien intim. Jung war schockiert. Wieder fährt Freud mit Minna zu einem Bildungsurlaub nach Italien. Keller mutmaßt, dass das rasche Zerwürfnis zwischen Freud und Jung auch aus dem Autoritätsverlust Freuds in Jungs Augen resultiert. 1913 reist Freud mit Minna erneut nach Rom. Als der Krieg ausbricht, erweist sich Martha als stabil und Minna als klagend. Offenbar nimmt er noch einmal sexuelle Beziehung zu Martha auf (S. 115). Bei weiteren Reisen genießen die korpulente Minna und Sigmund große Mengen köstlicher Speisen – ein Ersatz für das Sexuelle?

Im Alter, nach Ausbruch seiner Gaumen-Krebserkrankung, ordnet Freud seine Libido um. Martha und Minna müssen in den Hintergrund treten, seine jüngste Tochter Anna wird zu seiner Vertrauten und Stellvertreterin. Eine seiner berühmtesten Patientinnen, Marie Bonaparte, verliebt sich in ihn und Freud entwickelt eine intensive Gegenübertragungsliebe. Die Liebe und Fürsorge, die Freud von seiner weitgehend weiblichen Umgebung zuteil wird, ist immens. Sie gibt ihm Kraft zum Weiterleben. Zur goldenen Hochzeit mit Martha notierte er, dass die Wahl seines Liebesobjekts keine schlechte Lösung des Eheproblems gewesen war.

1915 schrieb er an einen engen Mitarbeiter, er habe von der sexuellen Freiheit, für die er eintrat, „sehr wenig Gebrauch gemacht“. Die Gesellschaft verlange bis zur Ehe Enthaltsamkeit und dann die Beschränkung der Sexualität auf einen einzigen Partner. Die meisten Menschen, davon war Freud überzeugt, könnten unmöglich solchen Forderungen entsprechen. Die Zahl jener, die zur Sublimierung fänden, sei klein. Die meisten anderen werden neurotisch oder kommen sonst wie zu Schaden. Aber Freud, darauf weist Peter Gay in seiner Freud-Biographie hin, hielt sich selbst für weder neurotisch noch geschädigt. Er war stolz auf seine kulturelle Arbeit höchsten Rangs (Peter Gay 1989, S. 198).

Das schmale Buch ist eine handwerklich saubere Zusammenschau dessen, was über die sexuelle Libido des Bahnbrechers des Unbewussten bekannt ist. Die Reisen mit Minna nennt Keller „Lustreisen“, die Freud ein wenigstens teilweise funktionierendes Triebleben ermöglichten (S. 148). Martha habe darauf meist psychosomatisch reagiert. Als alternder Mann zog er Lust, Kraft und Freude aus der Übertragungsliebe seiner klugen und schönen Analysandinnen. Keller verzichtet wohltuend auf jede Polemik und Häme, allein seine Interpretation der Beziehung Sigmunds zu Schwägerin Minna scheint etwas gewagt. Zu bemängeln ist das Fehlen einer Interpretation der herangezogenen Quellen. Sie werden nicht in den Zeitkontext eingeordnet und gewichtet. Alles in allem war der Umgang Freuds mit seinem Sexualtrieb kompliziert, aber nicht komplizierter als bei vielen anderen Menschen. Der Protagonist des Sexuellen muss sich gefallen lassen, an seinen eigenen Maßstäben gemessen zu werden. Das Ergebnis ist wenig spektakulär, fast schon ein wenig gewöhnlich.

Gerald Mackenthun

Berlin, Juli 2012