Identität. Über die allmähliche Verfertigung unseres Ichs durch das Leben

Datum: 02.01.2017

Autor: Gerhard Danzer

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

Danzer, Gerhard (2016): Identität. Über die allmähliche Verfertigung unseres Ichs durch das Leben. Berlin Heidelberg (Springer), 312 S., 22.99 €

René Descartes ist jener Philosoph, der zum Ursprung aller Erkenntnis vorstoßen wollte. Wird uns die Welt vielleicht nur vorgegaukelt? Wie könnte man sich seiner eigenen Identität sicher sein? Bekanntlich kam er zu dem Schluss, dass gerade diese Grübelei der letzte (oder erste, wer weiß?) Beweis für die eigene Existenz ist. „Ich denke, also bin ich“, lautet sein Kernsatz. Tiefste Skepsis durchzieht sein Werk. Aber er war überzeugt, dass niemand ihm die Gewissheit des Ich-Seins nehmen könne. Skepsis und Erkenntnis sind zwei Seiten derselben Medaille.
Die Renaissance war jene Epoche, die das Individuum und die individuelle Lebensgestaltung entdeckt hatte. Seitdem hat sich die Zahl möglicher Lebensentwürfe ins fast Unendliche vergrößert. Immer geht es um die Frage, „wer bin ich?“ – „Bin ich Napoleon oder eine Laus?“, fragt sich die jugendliche Hauptfigur Raskolnikow in Dostojewskis Roman Schuld und Sühne. Dieses unentschlossene Schwanken scheint typisch für Pubertät und Adoleszenz zu sein. Der deutsch-amerikanische Psychologe Erik Erikson betonte, eine Person sei erst nach dem Abschluss der Jugendzeit „mit sich identisch“. Ich-Identität bedeute, sich einerseits einem Kollektiv zugehörig fühlen und sich dabei zugleich als einmaliges Individuum zu spüren.
Kierkegaard, Rilke und Kafka trieben die Selbstzweifel ins Absolute, wenn nicht gar ins Pathologische. Auf der anderen Seite stehen jene, die von keinerlei Identitätsunsicherheit angekränkelt sind. Als soziale Kategorie hat Identität eine unheilschwangere negative Seite, weil Selbstvergewisserung prinzipiell nur in der Abgrenzung zum Du zu funktionieren scheint. Wenn ich schon nicht weiß, wer ich bin, dann bin ich wenigstens nicht der Andere. Auf politischer Ebene können sich daraus verhängnisvolle Konsequenzen ergeben, bis hin zum Krieg. Nicht selten muss ein prekäres Ich durch eine kollektive, oftmals landsmannschaftliche oder nationale Identität aufgefangen und gestützt werden.
In unseren modernen Zeiten steigert sich die Identitätsfindung nicht selten zu einer narzisstischen Persönlichkeitsakzentuierung. Kann ich eigentlich noch jemand anderen als Subjekt erkennen? Die Tendenz zur Ich-Zentrierung erfährt durch das Internet bisher ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten. Hier kann jeder viele Identitäten ausprobieren und diese ebenso schnell wieder abstoßen, wie er sie sich ausgedacht hat.
Der Berliner Arzt und Psychologe Gerhard Danzer hat in seinem neuen Buch Identität. Über die allmähliche Verfertigung unseres Ichs durch das Leben (Springer, 2016) die vielfältigen Facetten des Konzepts Identität gesammelt und bereitet diese flüssig lesbar vor dem Leser aus. Es ist in drei große Kapitel aufgeteilt.
Im ersten Teil seines Buches werden die persönlichen und nationalen Formen und Spielarten von Identität behandelt. Der Begriff erweist sich dabei als flirrend vielschichtig. Wir sprechen von kollektiver, ideologischer, kultureller und personaler Identität. Das reicht von einem behaglichen In-sich-Ruhen über geschlechtliche Identitätsfindung bis hin zum nationalen Fundamentalismus und politischen Radikalismus. Der Verlust tradierter Identitätsangebote scheint sich zu beschleunigen. Wächst momentan nicht die Bereitschaft, auch problematische Identitätsinhalte wie Hetero- und Xenophobie anzunehmen? Aufbau und Stabilisierung von Identität sind riskant, voraussetzungsvoll und krisenanfällig.
Der zweite Teil des Buches versammelt philosophische und psychologische Beiträge zur Identitätssuche. Danzer bedient sich ideengeschichtlich vor allem bei Immanuel Kant und Sigmund Freud. Identitätssuche hängt, wenn man sie ernsthaft betreiben will, eng zusammen mit der bewussten Bildung der Person. Eine wirkliche Autonomie ist dabei nur eingeschränkt gegeben. Die Menschen kommen mit unterschiedlichen Anlagen zur Welt und werden in den Kinderjahren früh auf den Wertekanon ihrer Eltern geprägt. Beim Erwachen zu vollem Bewusstsein in der Pubertät ist das Meiste schon vorgegeben. Identität wird wesentlich in der Auseinandersetzung mit andern konstituiert. Normen und Werte von Familie, Gemeinschaft und Gesellschaft bilden sich nach Sigmund Freud im Über-Ich ab. Die eigene Weiterentwicklung zu einem aufgeklärten und autonomen Denken erfordert Mut und Disziplin. Psychotherapie, auf deren Wesensgehalt Danzer eingeht, ist nicht zuletzt auch Selbstfindung durch Erinnern und Reflektieren.
Dabei sollte nicht vergessen werden, dass menschliche Psyche und menschlicher Geist auf Chemie, Physik und Biologie des Körpers aufbaut. Ohne Körper keine Nachdenken über Identität. Der Mensch lebt in beiden Welten – der biologischen und der geistigen. Obwohl sich der Körper und seine Organe mehr oder weniger ständig erneuern, bleibt einem – sofern man gesund ist – wunderbarerweise auch über Nacht das Gefühl eines konstanten Ich-Kerns.
Im dritten Teil des Buchs taucht Danzer tief in literarische Beiträge zur Identitätssuche ein. Er behandelt ausführlich Shakespeares „Hamlet“, Goethes „Wilhelm Meister“, Ibsens „Peer Gynt“ und Joyces „Ulysses“. Dabei hebt der Autor in lebendigen und anregenden Ausführungen den Schatz jenes psychologischen und anthropologischen Wissens ans Licht, welches seit Jahrhunderten intuitiv in den Texten hervorragender Dichter schlummert.
Wie kann die Person die Vielzahl ihr zugemuteter Rollen zu einem zwar differenzierten, aber noch konsistenten Ich integrieren? Das Lernen geschieht auch über Identifizierungen und Rollenvorbilder. Soziale Rollen, die eine Identität strukturieren, können zu weit oder zu eng oder repressiv sein. Die Verpflichtung auf rigides rollengemäßes Verhalten endet manchmal in seelischer Pathologie.
Das Buch ist keine Anleitung zur Selbstfindung, vielmehr eine Übersicht darüber, welchen Themen sich der Adept zuwenden sollte und könnte, wenn er sich ein wenig bewusster mit seinem eigenen Konzept von Identität auseinandersetzen möchte. Gute Bücher (wie das von Danzer), freundschaftliche Gespräche, Selbstreflexion (auch Psychotherapien) und Reisen können dabei helfen, sein Selbstbild zu schulen und sich seines Ichs zu vergewissern, um es bei Bedarf zu konsolidieren oder zu modellieren. Welche Qualität dabei erreicht wird, wird man erst am Ende des Lebens sagen können. Zum Schluss halten wir die Geschichte unseres Lebens für die Wahrheit.
Danzer verzichtet auf ein Fazit seiner weit ausgreifenden Erkundungen zum Begriff Identität. Die vielfältigen Aspekte sind nur lose verbunden. Mancher Leser wird einen Hinweis darüber vermissen, welche Teile sich als brauchbar, welche sich als Umwege erwiesen haben. Stehen alle Autoren und Konzepte gleichberechtigt nebeneinander? Danzer will den Lesern die Arbeit des Einordnens offensichtlich nicht abnehmen. So muss sich denn der Leser in den vielfältigen Anregungen, die der Autor in seinem Buch zusammengetragen hat, selbst zurechtfinden. Die Selbstaufklärung wird ihm nicht abgenommen.
Berlin, Januar 2017