Jahrbuch der Psychoanalyse Band 64 Psychoanalytiker in Kriegs- und Nachkriegszeit

Datum: 30.05.2013

Autor: Claudia Frank, Ludger M. Hermanns, Elfriede Löchel (Hrsg.)

Rezensent:  Klaus Hölzer

 

Jahrbuch der Psychoanalyse  Bd. 64. Psychoanalytiker in Kriegs- und Nachkriegszeit, (Hrsg): Claudia Frank, Ludger M. Hermanns, Elfriede Löchel, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart, 2012, 266 Seiten, 52,00 Euro

Das Schwerpunktthema dieses Jahrbuches dokumentiert, dass die Psychoanalyse nicht nur zur Patientenbehandlung sondern in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und danach auch als Kampfinstrument gegen die NS-Diktatur und ihre Hinterlassenschaften eingesetzt wurde. So versucht Daniel Pick, Geschichtsprofessor in London, zu verdeutlichen, wie englische Psychiater und Psychoanalytiker die rätselhafte „Mission“ des England-Fliegers Rudolf Hess verständlich machen wollten.

Knuth Müller, Doktorand an der Freien Universität, Berlin, wirft einen kritischen Blick auf die Zusammenarbeit von Psychoanalytikern und US-Geheimdiensten.

Uta Gerhardt, emeritierte Soziologieprofessorin aus Heidelberg, setzt sich mit der Psychoanalyse-Rezeption des amerikanischen Soziologen Talcott Parsons auseinander. Parsons habe den psychoanalytischen Prozess als Muster gelungener Sozialisation und Demokratisierung interpretiert.

Die Kampagne der Alliierten, aus den Deutschen der Nazizeit Demokraten zu machen (Reeducation) wird unterstützt von einer Analyse der psychischen Lage der Deutschen um 1950 durch Roger Money-Kyrle, Lehranalytiker der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft.

In der Rubrik Klinik der Psychoanalyse findet sich ein aufschlussreicher und höchst lebendiger autobiografischer Bericht von Richard Sterba (1898-1989). Der aus Wien stammende und nicht jüdische Psychoanalytiker berichtet, wie er dem Antisemitismus seiner Epoche trotzte, eine verehrende Einstellung zu Freud und der Psychoanalyse aufbaute und er –  wie seine Berufskollegen – Österreich 1938 zusammen mit seiner Frau verlassen konnte, um nach Überwindung verschiedener Hindernisse in den USA eine zweite Heimat zu finden. Auf dem Hintergrund dieser Vita schildert er eine Selbstverletzung, die er als Fehlleistung seines Ichs deutet und mit seiner Sympathie für das Judentum in Verbindung bringt.

Sterba hatte seinen Text an Anna Freud geschickt. Ihre briefliche Antwort vom August 1963, hier ebenfalls abgedruckt, findet Worte der Sympathie für Sterbas allmähliche Annäherung an das Judentum, bestätigt die Deutungsversuche seiner geschilderten Fehlleistung und ergänzt seine Theorie der gesteigerten Ichfunktion in der Fehlhandlung und in der Gefahr um eigene Erlebnisse. Sie verweist auf die in ihrer Klinik durchgeführte Hero-Study, wonach vier- bis fünfjährige Kinder in Bezug auf Entschlossenheit, korrekte Handlung, Kraft und Geschick zu ungewöhnlichen Ich-Funktionen fähig waren, um andere Kinder aus schweren Gefahren zu retten. Eine Erklärung dieses Verhaltens habe sie aber nicht.

Die Rubrik Angewandte Psychoanalyse enthält eine Untersuchung der Psychoanalytikerin Angelika Ebrecht-Laermann mit  dem Titel Boten des Grauens –  Das Motiv der „versehrten Puppe“ bei Heinrich von Kleist, Lotte Pritzel und Rainer Maria Rilke. Nach ihrer These thematisiert das Motiv der „versehrten Puppe“ Ängste vor einem Misslingen der Trennung vom Körper der Mutter.

Der folgende Essay von Friedrich-Wilhelm Eickhoff über den Briefwechsel Sigmund Freuds mit seiner Frau Martha aus den Jahren 1882-1883 hat den Rezensenten besonders begeistert. Es handelt sich um den ersten der auf fünf Bände angelegten und ungekürzten Ausgabe, den Eickhoff kompetent vorstellt. Ernst Freud hatte vor einigen Jahrzehnten ein Bändchen mit Brautbriefen seines Vaters publiziert, ohne die Briefe seiner Mutter hinzuzufügen. In der ungekürzten Ausgabe wird glücklicherweise auch Martha als Persönlichkeit erlebbar. Keineswegs zeigt sie sich als eine nur an den häuslichen Aufgaben orientierte Frau, sondern als selbstbewusste, unabhängige, kluge und zärtliche Person, die ihrem verunsicherten, noch seinen Weg suchenden Verlobten ein liebendes und ermutigendes Gegenüber war. Eickhoff fasst nicht nur den Inhalt der Briefe vom Juni 1882 bis Juli 1883 zusammen sondern kommentiert und interpretiert sie zugleich in erhellender und bewegender Weise.

Als Abschluss dieses Jahrbuches erscheint ein Beitrag des Medizinhistorikers Gerhard Fichtner, der einen Brief Freuds vom März 1931an seinen amerikanischen Übersetzer Abraham A. Brill im Wortlaut wiedergibt und kommentiert. Darin enthalten ist das lange als verschollen geltende Vorwort zur dritten Auflage von Brills Übersetzung der Traumdeutung. Unter Bezug auf sein großes Werk schreibt Freud: „Es enthält auch nach meinem heutigen Urteil das Wertvollste, was mir zu finden vergönnt war, Einsichten, wie sie einem nur einmal im Leben zuteil werden.“