Praxis der psychodynamischen Psychotherapie. Grundlagen – Modelle – Konzepte.

Datum: 11.09.2014

Autor: Annegret Boll-Klatt & Mathias Kohrs

Rezensent:  Gerhard Danzer

 

Annegret Boll-Klatt & Mathias Kohrs: Praxis der psychodynamischen Psychotherapie. Grundlagen – Modelle – Konzepte. Schattauer Verlag Stuttgart 2014, 502 Seiten.

Wer je versucht hat, schriftlich oder auch nur gedanklich die immens weitverzweigten Entwicklungen von Psychoanalyse, Tiefenpsychologie und psychodynamischer Psychotherapie der letzten 120 Jahre (seit dem Erscheinen von Sigmund Freuds Studien über Hysterie, 1895) zusammen zu tragen und prägnant auszudrücken, wird in etwa ermessen können, welche Leistung die beiden Autoren des vorliegenden Bandes über die Praxis der psychodynamischen Psychotherapie zuwege gebracht haben. Annegret Boll-Klatt, über viele Jahre leitende klinische Psychologin einer großen Rehabilitationsklinik in Schleswig-Holstein, und Mathias Kohrs, psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker in eigener Praxis, gelang das Kunststück, unterschiedlichste Gesichtspunkte der Theorie und Praxis von Psychoanalyse und Tiefenpsychologie in einem Reader zu vereinen, ohne sich in ideologischen Positionierungen, terminologischen Scholastik-Exerzitien oder grabenkämpfenden Schulstreitigkeiten zu verheddern.
So wird der geneigte Leser mit der Tradition psychoanalytischer Theoriebildung seit Sigmund Freud ebenso verlässlich und solide bedient wie mit den neueren Ergebnissen von Säuglingsforschung, Neurobiologie, Psychosomatik und klinischer Psychologie. Bei der Lektüre der einzelnen Kapitel bemerkt man, dass beide Autoren seit Jahrzehnten als Dozenten und Supervisoren tätig sind und ihr Metier bereits viele Male erörtert haben, so dass ihr Stoff auch für Anfänger und weniger Geübte leicht verdaubar wird.
Bei derart vielen Qualitäten des Textes steht zu vermuten, dass die Praxis der psychodynamischen Psychotherapie bald eine zweite Auflage erfahren wird. Für diesen Fall möchte ich dem Autorenteam eine kleine Ergänzung ihres Readers ans Herz legen, die zugegebenermaßen meiner subjektiven Biographie und Perspektive entspringt. Bei der beeindruckend weiten Darstellung der tiefenpsychologischen Richtungen würde es sich wohl als reizvoll erweisen, die personale Psychologie und Psychotherapie von Josef Rattner (die er in den letzten 50 Jahren ausformuliert hat) als Brückenschlag der Tiefenpsychologie hin zur Philosophie vorzustellen und als Weiterentwicklung für das 21. Jahrhundert zu diskutieren.