Selbstwertstreben und Selbstwertgefühl – Traditionen und Perspektiven

Datum: 11.04.2014

Autor: Katharina Kaminski

Rezensent:  Annette Schönherr

 

Katharina Kaminski: Selbstwertstreben und Selbstwertgefühl – Traditionen und Perspektiven, V&R unipress, Göttingen 2014, 436 S.

Die vorliegende Publikation ist die geringfügig veränderte Habilitationsschrift der Autorin, die im Jahr 2013 von der Universität Klagenfurt angenommen wurde. Es ist ein außerordentlich kenntnisreiches Buch, das elegant und aus einem Guss geschrieben auch für Fachfremde gut zu lesen ist. Katharina Kaminski ist praktizierende Psychotherapeutin und stützt ihre psychologischen Analysen nicht allein auf die Tiefenpsychologie, sondern auch auf die Philosophie bzw. die philosophische Anthropologie. Das Ergebnis ist ein spürbares Plus an Tiefe und Anschaulichkeit.

Der Begriff des Selbstwertstrebens ist nach Auffassung der Autorin ein grundlegender menschlicher Antrieb und wird in der Wissenschaft und im Alltagsleben häufig verwendet, allerdings wurde er in seiner Bedeutung für die Sozial- und Kulturwissenschaften nicht umfassend geklärt. Eine erste fundierte Arbeit hat hierzu der Schweizer Psychologe und Philosoph Wilhelm Keller mit seiner Monographie Das Selbstwertstreben 1963 geleistet. Während vor allem in der Psychotherapie vom Selbstwertstreben als wesentlicher Motivation und dem Veränderungspotential des Patienten gesprochen wird, wurden die Dimensionen dieses Strebens im Großen und Ganzen außer acht gelassen. Diese Lücke weiter zu schließen hat sich die Autorin zur Aufgabe gemacht.

Frau Kaminski beschränkt sich in dieser Schrift auf die tiefenpsychologische und anthropologische Tradition zum Verständnis der Phänomene Selbstwertstreben und Selbstentwicklung und bezieht wert- und kulturphilosophische Denkansätze in ihre Überlegungen mit ein. Anliegen ihres Buches ist es, die Möglichkeit der Förderung des Selbstwertstrebens aufzuzeigen, die keineswegs auf die Kindheit beschränkt bleibe, sondern sich dem Menschen als lebenslange Aufgabe stelle. Auf dieses Anliegen bezogen werden 13 Hypothesen formuliert und zu belegen versucht, die den Menschen als bio-psycho-geistig-soziales Wesen verstehen.

Im ersten Teil dieses Werks erläutert die Autorin Stationen der Begriffsgeschichte des Selbstwertstrebens innerhalb der philosophischen Anthropologie und setzt bedeutende philosophische Ansätze zum Topos “Selbstwertstreben” zueinander in Beziehung. Die von Aristoteles, Nicolai Hartmann und Ernst Cassirer vertretenen geistigen Positionen erlauben es, eine Brücke von der Philosophie zur Psychologie zu schlagen. Überzeugend belegt die Autorin, dass Selbstwertstreben und Kulturstreben eine Einheit bilden. Als Individualpsychologin tritt die Autorin in die Fußstapfen ihres geistigen Mentors und Begründers der Individualpsychologie Alfred Adler, der sich mutig dem Universalanspruch der Medizin widersetzt und zum Verstehen des Menschen ebenfalls Philosophie, Ethik und Pädagogik in seine psychologischen Theorien einbezogen hat.

Im zweiten Teil dieses Buches werden tiefenpsychologische, entwicklungspsychologische und personalistische Ansätze zum Verständnis der Selbstentwicklung zur Sprache gebracht: Selbstwertstreben bei Wilhelm Keller, Sigmund Freuds Ich-Ideal und Erosbegriff, Alfred Adlers Vollkommenheitsstreben und Gemeinschaftsgefühl, Karen Horneys Topos der Selbstverwirklichung, Donald W. Winnicotts Theorie vom wahren Selbst und Heinz Kohuts Kernselbst. Diese werden ergänzt durch Aspekte der Selbstentwicklung in der Säuglingsforschung von Martin Dornes und Daniel Stern. In der Entwicklungspsychologie Erik Eriksons wird die Dynamik der Selbstentwicklung über die frühe Kindheit hinaus weitergedacht. Schlussendlich wird der Begriff der Person in den Rahmen des Personalismuskonzepts von Josef Rattner eingestellt.

Im abschließenden Kapitel untersucht Kaminski die Anwendungsfelder Erziehung und Bildung, Psychotherapie sowie Literatur und Kunst. Anhand ausgewählter Fallvignetten aus der eigenen Praxis und zweier Kurzbiografien von Maxim Gorki und Marie Luise Kaschnitz zeigt die Autorin, dass die Entfaltung des Selbstwertstrebens als das “Rückgrat der Seele” (Josef Rattner) zu verstehen ist: Eine Stärkung des Selbstwertstrebens gehe einher mit einer Kräftigung der Arbeits- und Beziehungsfähigkeit, seelischer Gesundheit, Produktivität und der Fähigkeit, in Krisen standzuhalten und diese zu überwinden. Für die Autorin ist eine emanzipatorische Selbstentwicklung auf der Basis von Selbstwertstreben unlösbar verbunden mit einer aufgeklärten, differenzierten Kulturkritik: “Erziehung, Bildung und Psychotherapie bedeuten somit, stets eine Gratwanderung einzuhalten zwischen einer Unterstützung und Einfügung in die Kultur und Gesellschaft und andererseits auch der Förderung einer eigenständigen emanzipatorischen Einstellung zu ihr.”(S. 407)

Katharina Kaminski präsentiert ein wichtiges Buch, dem man eine weite Verbreitung wünscht und es jedem Psychotherapeuten ans Herz legen möchte, weil es einen wissenschaftlich neuartigen Beitrag für die tiefenpsychologisch ausgerichtete Psychotherapie leistet und aufzeigt, wie überaus hilfreich das Konzept des Selbstwertstrebens für die Psychotherapie ist.

Annette Schönherr, Berlin