Sozialpsychologie des Rechtsextremismus. Entstehung und Veränderung eines Syndroms

Datum: 15.08.2012

Autor: Menschik-Bendele, Jutta; Ottomeyer, Klaus

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

Menschik-Bendele, Jutta; Ottomeyer, Klaus (2002): Sozialpsychologie des Rechtsextremismus. Entstehung und Veränderung eines Syndroms. 2., revidierte Auflage Opladen (Leske & Budrich), 315 S., ISBN 978-3810034120

Das Buch handelt von einem Forschungsprojekt 1995 bis 1997 im österreichischen Bundesland Kärnten zum Thema rechtsextreme und gewaltbereite Jugendliche. Schwerpunkt bilden 16 themenbezogene Psychodrama-Workshops mit Schülerinnen und Schülern zwischen zwölf und 19 Jahren aus acht Schulklassen. Hinzu kam ein Gesprächs-Workshop mit auffällig rechtsradikalen, gewalttätigen Jugendlichen an drei Abendterminen. Insgesamt nahmen 180 Jugendliche teil. Darüber hinaus wurden rechtsextreme Medien ausgewertet. Die Auswertungsmethode ist das „szenische Verstehen“ (siehe A. Lorenzer). Berücksichtigt wurde dabei immer auch die Gegenübertragung der Projektbeobachter. Ferner werden ein Projekt zur Gewaltprävention in der Schule vorgestellt, die kulturellen, medialen und sozialen Rahmenbedingungen am Beispiel einer rechtsextremen Schülerzeitung untersucht und die Identitätskonstruktion von Jugendlichen auch aus einer körperorientierten Sichtweise angeschaut. Die zwei Schlüsselbegriffe, um die sich in diesem Projekt alles drehte, waren Gewalt und Ausländer. Rechtsextremismus wird von den Autoren definiert durch einen hierarchischen Ethnozentrismus mit deutlicher Höherwertigkeit der eigenen Gruppe, durch Gewaltbereitschaft und durch eine bagatellisierende bzw. rechtfertigende Einstellung zum Nationalsozialismus in den verbalen Äußerungen.

Einige Ergebnisse: Die Idealisierung der väterlichen Autorität scheint kaum noch vorzukommen. Die klassische Herausbildung der “autoritären Persönlichkeit” (siehe dazu die Berkeley Public Opinion Study) scheint auf Einzelfälle beschränkt. Die Peergroup und die Medien spielen heutzutage deutlich größere Rollen.

Zwei Muster der Bindungserfahrung dieser Jugendlichen scheinen vorherrschend. In der abwehrend-bagatellisierenden Bindungsrepräsentation werden Gefühle wie Angst und Trauer kaum erwähnt, Kränkungen werden bagatellisiert, Trost und Wärme abgelehnt, der Vater wird kalt verachtet, man identifiziert sich mit “Rambo” bzw. Sylvester Stallone.

Dem steht zur Seite das Muster des Verstrickten. Hier handelt es sich um junge Männer, die heftige zwiespältige, manchmal offen hasserfüllte Emotionen gegen die Eltern zum Ausdruck bringen. Die Eltern schwanken in ihrem Verhalten den Kindern gegenüber zwischen Vernachlässigung und übertriebener Fürsorge. Diese verunsicherten Kinder neigen zur Verteufelung ihrer Eltern. Die verhinderte Integration führt manchmal zu unkontrollierten Eruptionen von Destruktion. Offenbar werden die unerledigten Gefühle den Eltern gegenüber auf der Bühne des Kampfes gegen Ausländer ausagiert. Um rechtsextrem zu werden, bedarf es situativer Auslöser, in der Regel eine Destabilisierung und Labilisierung. Die potenziell Ansprechbaren sind jene, die sich aus ihren alltäglichen Orientierungsmustern herausgerissen fühlen.

Sofern Forscher eine sicher-autonome Bindungsrepräsentation bei Jugendlichen finden, waren sie alle nicht rechtsextrem. Sie schildern die Eltern eher als stabile und verlässliche Figuren und sie können Gefühle von Trauer und Schmerz ausdrücken. Jugendliche scheinen in der Regel nicht für rechtsextreme Parolen ansprechbar, wenn sie Erfahrungen mit guten und verlässlichen Vätern und Müttern gemacht haben.

Der dritte große Faktor, welcher zur Entstehung des Rechtsextremismus beiträgt, sind die rhetorischen Figuren und demagogischen Inszenierungen von Politikern. Die Täter- und Opfer-Rollen werden umgekehrt, die Opfer werden zu Simulanten, Provokateuren oder Schmarotzern erklärt, die umlaufenden Witze zielen auf Erniedrigung und Verhöhnung, die Verfolgung wird als „Säuberung“ inszeniert, der Feind wird immer als schmutzig vorgeführt, die Strafphantasien sind voll von sadistischen Bildern. Der Kinderreichtum von Ausländern gehört zum Standardrepertoire rechter Agitatoren.

Viele Jugendliche mit rechtsextremen Verhalten, so die Autorin Jutta Menschik-Bendele (wie Klaus Ottomeyer von der Universität Klagenfurt), sind in besonderem Maße entmutigt, traumatisiert, verlassen und verführt worden. Wegen eines traumatisierten Selbst wird ihr Verhalten destruktiv, die Erfahrung von Ausgrenzung beantworten sie mit dem Abbruch des Dialogs, die rechtsextreme Gruppe wird zum Elternersatz. Die Verteufelung des Fremden und Andersartigen hilft ihnen, ihre Entwicklungsnöte und Konflikte zu überspielen. Die Nazi-Ideologie gibt ihnen Orientierung, der Verlust von Selbstwert wird mithilfe autoritärer Aggression überspielt.

Die Unvollständigkeits- und Minderwertigkeitsgefühle werden mit der Nazi-Ideologie von den “ganzen Männern” kompensiert. Gewalt wirkt wie eine Droge, die kurzfristig das männliche Selbstwertgefühl hebt; nebenbei verhindert sie das Weiterverfolgen einer manchmal auftauchenden Nachdenklichkeit.

Die Computerkultur scheint in diesem Kontext nicht so gefährlich wie in den Medien dargestellt. Gewaltspiele scheinen Teil einer allgemeinen Provokationsstrategie zu sein. Der unerfüllte Wunsch nach Versorgtwerden wird auf Ausländer und Andersartige projiziert und abgewehrt. Das eigene Verlangen, trotz mangelhafter Bildung für wenig Arbeit viel Geld zu erhalten, wird als Vorwurf den Ausländern untergeschoben. Zum Schluss gehen die Autoren auf Handlungsvorschläge für Schulen, Sozialarbeiter und Psychotherapeuten ein. Der Schlüssel liegt in der schulischen Arbeit und im offenen Umgang mit Rechtsextremismus und seiner Gewaltbereitschaft.

Das Werk besticht durch lange Passagen wörtlicher Zitate und Hinweise zum konkreten Umgang mit gewaltbereiten und aggressiven männlichen Jugendlichen. Es ist äußerst differenziert und tiefgründig und ein weiterer Beleg dafür, dass sich Psychoanalyse und Tiefenpsychologie durchaus um politische Themen bemühen.

Dr. Gerald Mackenthun

Berlin, Mai 2011