Über Schüchternheit.Tiefenpsychologische und anthropologische Aspekte

Datum: 17.06.2012

Autor: Margarete Eisner

Rezensent:  Jutta Riester

 

Margarete Eisner, Über Schüchternheit. Tiefenpsychologische und anthropologische Aspekte. V&R unipress, Göttingen 2012, 150 S., 29,90 €

In der Bestandsaufnahme zu Beginn ihres Buches konstatiert die Verfasserin die Vielfalt der Beschreibungen des Phänomens Schüchternheit. Schüchternheit wird als Scheu, Ängstlichkeit, Gehemmtheit, Handlungsunfähigkeit, Beschämtsein, Eingesperrtsein etc. beschrieben und kann bis zur definierten Erkrankung Soziale Phobie gehen. Am prägnantesten, aber auch einfachsten ist vielleicht die Definition P.G. Zimbardos, dass derjenige schüchtern sei, der sich selbst als schüchtern bezeichne. Dies seien, so Zimbardo, nahezu 50% aller Menschen. Dass man sich somit als schüchterner Mensch in guter Gesellschaft befindet, wird anhand der Selbstzeugnisse von Dichtern und bedeutenden Menschen wie Tolstoj, Gandhi, Dickinson, Dohm, Einstein, Neruda, Constant, Thorvaldsen aber auch zeitgenössischer Erlebnisberichte eindrücklich illustriert. Neben der Untersuchung literarischer Werke im Hinblick auf Schüchternheit, z.B. Gontscharows Oblomow, wird der Einordnung und Deutung dieses Leidens unter den verschiedenen tiefenpsychologischen Schulen angemessen Raum gegeben. Schüchternheit als Narzissmus, zögernde Attitüde, Introvertiertheit und Hemmung sind hierbei treffende Charakterisierungen.

Interessant ist etwa die Bezeichnung esprit d’escalier, die der Individualpsychologe O. Brachfeld von Rousseau übernahm. Neben dem Verbergen des als wertlos empfundenen Ichs wird der Totstellreflex der Schüchternen angesprochen und ihre verspätete Reaktion in wesentlichen Situationen – eben auf der Treppe erst – und ihr Wiedergewinnen von Intelligenz und Anmut im Nachhinein, wenn die Situation vorbei ist.

Aufschlussreich ist auch die Unterscheidung zwischen der das Werden behütenden Scham und der verbergenden Scham, die im Dienst der sozialen Geltung und der gesellschaftlichen Erwartungen steht. Eine diesbezügliche Abhandlung stammt von dem phänomenologischen Psychiater E. Straus.

Frau Eisner ebnet gekonnt immer wieder neue Zugänge zum Schüchternheits-Syndrom vom klassisch psychoanalytischen über den neopsychoanalytischen und personalistisch-neotiefenpsychologischen bis anthropologischen Weg. Kenntnisreich und umfassend schildert sie diese sich ergänzenden Herangehensweisen aus biologischer und philosophischer Sicht mit vielen Beispielen, so dass eine lebendige und kurzweilige Darstellung entsteht.

Mit Hilfe der psychoanalytischen Trias Narzissmus, Masochismus und Infantilismus zeigt sie den Weg auf, von der im Ichhaften steckenbleibenden hemmenden zur förderlichen Schüchternheit, in der die mangelnde Situationstauglichkeit allmählich in Kulturtauglichkeit und in eine aktive Öffnung zur Welt umgewandelt wird: Im Narzissmus wird übermäßige Selbstverfangenheit und Selbstbezogenheit zum ich-syntonen Ausdrücken und (selbstbehauptenden, sozial verträglichen und kooperativen) Umsetzen eigener Wünsche und Strebungen. Das Narzisstische äußert sich dann im unbedingten Ernstnehmen des eigenen Lebens, indem ihm Sinn, Wert und Bedeutung verliehen werden soll.

Die ängstliche Selbstflucht, Objekthaltung und unhinterfragte Anerkennung der Überlegenheit anderer, somit der Masochismus in der Schüchternheit kann positiv in das Absehen vom Ich und Hingabe an überpersönliche Werte, in passive und aktive Teilhabe an der Kultur und in Mitmenschlichkeit gewendet werden.

Infantilismus ist als Steckenbleiben im Normalen und gesellschaftlich Erwarteten vorhanden, in den Denkkategorien richtig – falsch, gut – böse, alles – nichts. Dieses Verhaftet-Bleiben könnte in die kindlichen Wesensmerkmale Ursprünglichkeit, Staunensfähigkeit, Spontaneität und Neugier verwandelt werden. In den Entwicklungsbeispielen Schüchterner wurde der Fokus von dem, was zuerst als normal betrachtet wurde, auf das mutige Gestalten und auf die individuell und situativ gesetzten eigenen Normen und Leitsätze gerichtet, was G. Canguilhem das „Normative“ nannte. Als hilfreich auf dem Weg einer Umorientierung benennt die Autorin ferner „Vorbilder, Erwerb von Solidarität und Kompetenz, eine Ausweitung der Gefühls- und Wertsphäre, Werte wie Mitgefühl, Freude, Vernunft und Fortschrittlichkeit sowie überpersönliche Ideen …“

Frau Eisner schafft einen zuversichtlichen Ausblick: Die Schüchternheit wird aus ihrem Mauerblümchendasein befreit, auf eine höhere, gleichsam kulturelle Ebene angehoben und erfährt eine unerwartete Würdigung. Es geht nicht um das Ausmerzen von Schüchternheit, sondern um die Wahrnehmung der darin enthaltenen Ressourcen für den Einzelnen. Die Auswahl der Beispiele und die referierten Aufschlüsselungen des Phänomens sorgen dafür, dass die Schrift auf Professionelle ebenso wie auf betroffene Schüchterne sehr ermutigend wirkt. Der achtungsvolle Stil der Abhandlung ist bemerkenswert.