Wenn die Schule das Problem ist. Ein Versuch, Jugendliche zu verstehen

Datum: 15.12.2015

Autor: Friedhelm Adrian

Rezensent:  Philippa Schmidt

 

Friedhelm J. Adrian: Wenn die Schule das Problem ist. Ein Versuch, Jugendliche zu verstehen , 2015
VTA-Verlag. ISBN: 978-3-9816670-6-6

Mit 79 Jahren hat Friedhelm Adrian sein erstes Buch geschrieben. Der Küsnachter will, dass Wenn die Schule das Problem ist. Ein Versuch, Jugendliche zu verstehen nicht als Kritik sondern als Hilfestellung für Lehrer und Eltern verstanden wird.
„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel“, dieses Zitat von Johann Wolfgang von Goethe ist für Friedhelm Adrian nicht nur sinnbildlich für das Elternhaus sondern auch für die Schule. Dreißig Jahre hat der diplomierte Psychologe und Berufsschullehrer als Fachlehrer unterrichtet. Grundsätzlich vermisst er ein stärkeres Engagement für den Nachwuchs: „Die Jugend ist unsere Zukunft. Das ist uns zu wenig bewusst.“
Wenn Bildung als hoher Wert gelten würde, würde man viel mehr investieren, so Adrian. Doch der Autor kritisiert nicht nur ein zu maues finanzielles Engagement, sondern er vermisst auch einen ganzheitlichen Ansatz im pädagogischen Umgang mit den Schülern. „Die meisten Schüler und Studenten verlassen unsere Schulen als uninteressierte und bildungsfremde Subjekte“, moniert er in seinem Buch. „Nach einem Jahr sind Kinder schulmüde, zudem erleiden viele Lehrer ein Burnout“, vertieft er die Thematik im persönlichen Gespräch. Gerne verweist Adrian in diesem Zusammenhang auf ein weiteres Zitat eines berühmten Gelehrten. „Lernen ohne Freude ist keinen Heller wert“, soll der bekannte Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi geäußert haben – für Adrian eine grundlegende Erkenntnis.

Ganzheitlicher Ansatz
Anstoß nimmt er vor allem daran, wenn Fehler als solche gebrandmarkt werden, ohne dass Lehrerinnen und Lehrer auf deren Ursachen eingehen. „Lehrer müssen eine falsche Antwort immer auf ihr Zustandekommen prüfen. Nur so können sie dem Schüler weiterhelfen“, so der Psychologe in seinem Buch. Er fordert, dass Pädagogen mit Schülern in einen Dialog treten, um erfahren zu können, wo die Schüler stehen, damit sie realistische Antworten bekommen. Beispiele und Hinweise auf diese Form der Kommunikation finden sich in seinem Buch immer wieder. Als Grund, dass dies zu wenig passiert, benennt Adrian eine Ausbildung, die zu sehr auf Fachdidaktik und zu wenig auf psychologische und pädagogische Erkenntnisse setzt. „Ein Lehrer muss Begeisterung zeigen für sein Fach und ein Herz für die Jugend haben“, stellt er klar. Als günstige Voraussetzungen für das Lernen werden genannt: Freundlichkeit, Güte, Hilfsbereitschaft, Geduld und Vertrauen. Damit gewinnt der Lehrer den Schüler für das Lernen. Dass Adrian seinen Beruf mit Herzblut ausgeübt hat, wird im Gespräch mit ihm schnell offensichtlich.
Nachdem er pensioniert wurde, war für den Heslibacher noch lange nicht Schluss mit seinem Engagement für Kinder und Jugendliche. So begleitete er im Ruhestand eine Klasse der Primarschule Erlenbach. Gut erinnert er sich an eine Szene auf dem Pausenplatz, die auch im Buch beschrieben wird: „Bei einer Rauferei drückte ein großer, kräftiger Junge einen viel kleineren Kameraden auf den Boden“. Er habe den Buben dann zur Seite genommen und gefragt, ob er es nicht lieber mit ihm versuchen wolle. Der perplexe Zweitklässler verzichtete dankend. „Ich habe ihm dann erklärt, was Fairness ist“, erinnert sich Friedhelm Adrian mit einem feinen Lächeln.
Nicht die einzige Anekdote, die im Buch veranschaulicht wird. Mit weiteren Erinnerungen aus seiner pädagogischen Laufbahn liefert Adrian Beispiele, welche Situationen auf Lehrer zukommen können und wie man auf diese reagieren könnte. Auf die Frage, ob er den Kontakt zu den Jungen nicht vermisse, wehrt er ab: „Nein, nein, ich bin ja zweifacher Großvater“. Außerdem fände er immer wieder Gelegenheiten, mit Jungen in Kontakt zu treten.

Ermutigen statt verzärteln
Eine unkonventionelle Haltung zeigte Adrian nicht nur im Umgang mit Primarschülern, auch Berufsschülern bot er die Möglichkeit, ihre Persönlichkeit weiterzubilden. Das Freifach Mensch und Umwelt bot ihm Gelegenheit, interessierten Schülerinnen und Schülern psychologische Menschenkenntnis zu vermitteln: „Wir habe uns auch über Probleme unterhalten, die Jugendliche beschäftigen.“
Negative Meinungen über die Jugend von heute kann Adrian nur bedingt nachvollziehen. „Die Frage ist, was wir der Jugend von heute für Werte vermitteln. Anstatt überhöhtes Erfolgsstreben, Geld und Spaß sollten wir den Jungen höhere Werte wie Liebenswürdigkeit, Mitgefühl, Freude, Großmut, Vernunft und soziale Verantwortung vorleben. Wir müssen den Jungen hingegen vermitteln, dass sie nicht alleine leben, sondern ihr Leben in Bezug auf die Gemeinschaft gestalten müssen.“
Ein Vorbild im Umgang mit Menschen ist für ihn auch der Tiefenpsychologe Alfred Adler. So fordert Adrian in Anlehnung an Adler in seinem Buch immer wieder eine bessere Menschenkenntnis bzw. mehr Empathie vonseiten der Lehrer. „Das Kind, das Schwierigkeiten macht, hat Schwierigkeiten“, betont der ältere Herr mit eindringlichen Worten. Zwar fordert der Autor auf der einen Seite mehr Einfühlungsvermögen, doch auf der anderen Seite tritt er auch Auswüchsen, wie dem Verwöhnen und Verzärteln von Kindern entschieden entgegen.
„Vor kurzem habe ich eine Familie mit einem etwa 3-jährigen Jungen gesehen. Dieser stieg auf einen 30 cm hohen Baumstamm und rief ganz stolz: Mama, schau mal!“ erzählt Adrian. Daraufhin habe die Mutter völlig entsetzt gerufen: Gerry, komm da sofort herunter! „Er hatte Freude, fühlte sich größer, während die Mutter ängstlich reagiert, ihn entmutigt hat: So reagieren wir leider oft“, erklärt Adrian. Keine gute Vorbereitung auf die Herausforderungen des Lebens, wie er betont.
Nicht nur in der Pädagogik, auch in seinem eigenen Leben zeigte sich Friedhelm Adrian flexibel. Ursprünglich studierte er nämlich Maschinenbau. Zwar begann er in Oerlikon in der Maschinenfabrik zu arbeiten, doch lange hielt es ihn nicht in dieser Branche. Dass er gebürtiger Deutscher ist, merkt man Adrian, der seit 1957 in der Schweiz wohnt, fast nicht mehr an: Sein Schweizerdeutsch ist flüssig, aber auch besonders schön formuliert.
Das Buch richtet sich an alle, die an Erziehung und Beziehung interessiert seien, an alle, die an einer Verbesserung des Schulsystems arbeiten, betont Friedhelm Adrian und ergänzt: „In der Pädagogik haben wir in den letzten hundert Jahren große Fortschritte gemacht, aber nach oben ist alles offen.“