Weisheit als Gegenstand psychologischer Forschung

Datum: 03.03.2016

Autor: Paul Baltes, Ursula Staudinger

Rezensent:  Gerald Mackenthun

 

Baltes, Paul D. & Staudinger, Ursula (1996): Weisheit als Gegenstand psychologischer Forschung, in: Psychologische Rundschau, 47.Jg., Heft 2, April 1996, 57-77.

Jemand erhält einen Telefonanruf von einem guten Freund. Dieser sagt, er könne nicht mehr weiter, er werde sich das Leben nehmen. Wie würden Sie auf ihn reagieren? Was könnte man in einer derartigen Situation bedenken und tun?
Oder: Beim Nachdenken über ihr Leben stellen Personen manchmal fest, dass sie nicht das erreicht haben, was sie sich vorgestellt hatten. Wenn Sie einer solchen Person begegnen, wie würden Sie reagieren, was würden Sie ihr sagen?
Derartige Fragen sind nicht gerade alltäglich, denn sie setzen ein Vertrauensverhältnis zwischen den Akteuren voraus, doch wird wohl jeder einmal mit solchen und anderen Situationen konfrontiert, die zu bewältigen einen hohen Grad von Wissen und Lebenserfahrungen voraussetzen. Mit einem anderen Wort: Weisheit ist gefragt.
Wörterbücher beschreiben Weisheit als Wissen über die Grenzen menschlichen Daseins, über die Ungewissheit der Zukunft und über die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis. Staudinger und Baltes definieren Weisheit als Expertentum im Umgang mit schwierigen Fragen des Lebens, wie jenen nach Lebensplanung, Lebensgestaltung und Lebensdeutung. Weisheit ist die höchst erreichbare Dimension, unsere seltsame Existenz zu begreifen. Baltes war unter anderem Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, wo er zusammen mit Staudinger eine Theorie erfolgreicher Entwicklung im Altern entwarf.
Aber gibt es empirische Kriterien zur Beurteilung “weisheitsbezogener Leistungen”, fragen die Autoren. Sie benennen fünf Kriterien zur Beurteilung der Qualität von Weisheit und wollen damit die Frage beantworten, was Weisheit ausmacht und ob sie auch zuverlässig erkannt werden kann. Zur Weisheit gehören demnach fundiertes Wissen in grundlegenden Fragen des Lebens, Souveränität im zwischenmenschlichen Umgang, ein sinnvoller Einsatz dieses Wissens in problematischen Situationen, die Einbettung von Personen und Ereignissen in einen größeren Rahmen, die Respektierung jeder Person innerhalb ihres Wertesystems, ohne eigene Werte und Orientierungen aus den Augen zu verlieren, und das Ertragen von Ungewissheit.

Weisheit braucht günstige Bedingungen, um sich entfalten zu können. Definiert man Weisheit als Höchstleistung, so ist klar, dass nur wenige Menschen dieses Niveau erreichen werden. Eine gewisse geistige Grundausstattung der Person ist sicherlich Voraussetzung, beispielsweise geistige Flexibilität, seelische Gesundheit, soziale Kompetenz, Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen, relative Angstfreiheit und der Wunsch, anderen Menschen nützlich zu sein. Ein zweiter großer Bereich betrifft Faktoren, die für jedes Expertenwissen nötig sind. Dazu gehören große Lernfreude und langjährige Wissensakkumulation, das Glück, gute Lehrer und wohlwollende Mentoren gehabt zu haben, die als Vorbild dienen konnten, ferner die Ansammlung eines reichen Erfahrungsschatzes. Ein dritter Komplex betrifft Begünstigungen, die nicht unbedingt in das Belieben des Weisheit anstrebenden Menschen gestellt sind. Gemeint ist ein hohes Lebensalter, Bildungschancen, langjährige Bewährung in Berufen, eine günstige Position in der Gesellschaft sowie ein ruhiges politisches Umfeld. Allerdings ist der Umstand, lange gelebt zu haben, allein noch nicht ausreichend, um Wissen und Urteilsfähigkeit anzusammeln.
Weitere Untersuchungen zeigen, dass es bestimmte Berufe gibt, die leichter zu Weisheit führen als andere. Psychotherapeuten waren überzufällig häufig in den oberen Kategorien weisheitsbezogenen Wissens und Fähigkeiten zu finden, im Schnitt aber sind sie als Gruppe nur wenig klüger als der kluge Rest.
Diese Ergebnisse aus dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin geben Hinweise darauf, dass weises Wissen und Urteilen nicht nur eine Variante von Intelligenz ist. Vielmehr scheint Weisheit – so meinen Staudinger und Baltes – eine besondere Konfiguration psychologischer Fähigkeiten zu sein, die in dieser Weise bisher von keinem Intelligenztest erfasst wird.