Der Westen und der Rest der Welt

Autor: Niall Ferguson
Rezensent: Dr. phil. Gerald Mackenthun, psychologischer Psychotherapeut (Berlin)
Datum: 10.Februar 2021

Niall Ferguson (2011) Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen. Aus demEnglischen von Michael Bayer und Stephan Gebauer. Berlin: Ullstein/Propyläen, 560 S., 17,99 €

Thema: Das Römische Reich und andere Imperien gingen unter. Drohen auch der westlichen Zivilisation Niedergang und Ende? Werden die Volkswirtschaften der Vereinigten Staaten und Europas in wenigen Jahrzehnten von China überholt werden? Was kann die Geschichtswissenschaft über den möglichen Zerfall komplexer wirtschaftliche und soziale Systeme, wie wir sie heute kennen, sagen? Diesen Fragen widmet sich das Buch Der Westen und der Rest der Welt des britischen Historikers Niall Ferguson. Um sie zu beantworten, müsse die Geschichte verstanden werden. Die Geschichte des Westens (als Zivilisationsgebiet) sei in den vergangenen 500 Jahren überdurchschnittlich erfolgreich gewesen. Das erläutert de Autor anhand von sechs Grundlagen der Moderne: Wettbewerb, Wissenschaft, Eigentumsrechte, Medizin, Konsum und Arbeitsethik.

Der Autor Niall Ferguson (geboren 1964) ist Senior Fellow am Zentrum für europäische Studien in Harvard. Er zählt zu den wichtigsten Historikern der Gegenwart und hat an vielen Elite-Unis unterrichtet: Cambridge, Oxford, New York, Harvard. Er bezeichnet sich als „klassischer Liberaler, ein Kind der schottischen Aufklärung des späten 18. Jahrhunderts“, und ist skeptisch gegenüber der – wie er es nennt und sieht – kulturelle Hegemonie von Linken, Grünen, Sozialdemokraten und Sozialisten an den Universitäten, die einen freien Austausch von Argumenten zunehmend verhindern würden.

Als Autor ist er außerordentlich erfolgreich. Alle zwei Jahre bringt er einen Bestseller auf den Markt, die in den Feuilletons regelmäßig für Gesprächsstoff sorgen. Standardwerke schrieb er zum Ersten und zum Zweiten Weltkrieg, zur Familie der Rothschilds, zur Geschichte des Geldes und zu geopolitischen Fragestellungen. 2003 publizierte er das Buch Empire über den Aufstieg und Fall der britischen Weltmacht. 2011 erschien Der Westen und der Rest der Welt: Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen, in dem er anhand von sechs Grundlagen erklärt, wie die westliche Zivilisation nach 1500 die Welt zu beherrschen begann.

Ein neueres Werk ist das 2014 auf Deutsch erschienene Der Niedergang des Westens: Wie Institutionen verfallen und Ökonomien sterben. Darin zeichnet der Autor nach, wie westliche  Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Zivilgesellschaft von innen her erodieren.

Entstehungshintergrund: 500 Jahre lang, seit der Entdeckung und Eroberung der Gebiete außerhalb Europas, waren „der Westen“ und seine Werte die Hauptgestaltungskräfte der zivilisierten Welt. Seit einiger Zeit stehen die liberalen Demokratien von innen und außen unter Druck. Von nicht wenigen wird der Niedergang westlicher Demokratien und ihrer meist sozial ausgerichteten Wirtschaften gewünscht, von vielen gefürchtet. Niedergang an allen Ecken und Enden scheint die Gemeinsamkeit westlicher Gesellschaften zu sein. Die Zukunft wird nur noch dystopisch gemalt. Ferguson untersucht, wie der Westen aufsteigen und fünf Jahrhunderte lang seinen Einfluss erhalten konnte. Diese Rolle sei jetzt akut gefährdet. Angeblich fehle es an Visionen, wie die Zukunft zuversichtlich an die Hand zu nehmen wäre.

Aufbau: Das 560 Seiten starke Buch Der Westen und der Rest der Welt hat sechs Hauptkapitel. Diese sind benannt nach den sechs Faktoren, die in der Vergangenheit mutmaßlich die Hegemonie des Westens hervorriefen und bewahrten: Wettbewerb, Wissenschaft, Eigentum, Medizin, Konsum und Arbeit. Der Anhang umfasst Anmerkungen, Liste der Karten, Schaubilder und Tabellen, eine Bibliographie und ein Personen- sowie ein Ortregister.

Inhalt: Ferguson versucht darzustellen, weshalb das westliche Modell anderswo nicht oder nur in Ansätzen vorhanden war. „Der Rest der Welt“ ist zunächst der Mittlere Osten als früher Ursprung
kultureller Entwicklung, wo später der Islam für Stagnation sorgte, sodann Asien, vor allem veranschaulicht an der eigentümlichen Geschichte Chinas; dann Südamerika und endlich Afrika nach dem Ende der kolonialen Dominanz. Es ist der Vergleich, der den Blick schärft für das, was den Westen ausmacht.

1. Da ist zunächst der Wettbewerb, die Konkurrenz innerhalb der vielen kleinen und großen europäischen Herrschaftsgebiete und späteren Nationalstaaten, manchmal kooperierend im Milieu der
Universitäten oder der katholischen Kirche, oftmals kriegerisch und bis aufs Blut. Ferguson vergleicht das Vereinigte Königreich mit China. China verharrte in monolithische Größe und gab den Außenhandel und die Entdeckerfreude auf. In Europa indessen traten Spanien, Portugal und England in erbitterte Konkurrenz und befeuerten den Kapitalismus mit Staatsanleihen. Gleichzeitig erstarrte China in Bürokratie, Konformismus und Desinteresse an allem, was von außen kam.

2. Die Wissenschaften emanzipierten sich seit dem ausgehenden Mittelalter nach und nach aus allen Fesseln religiös-politischer Bevormundung. Zum Siegeszug der Wissenschaft gehören der Buchdruck, das Fernrohr, das Mikroskop, die Empirie, die Astronomie, die Differenzial- und Integralrechnung, die Philosophie der Vernunft und der Erkenntnis. Alle größeren Errungenschaften in Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie und Biologie fanden in Westeuropa statt.

3. Drittens kommt hinzu die Rechtstaatlichkeit, die Herrschaft der Gesetz einschließlich des Rechts auf Eigentum. Dies wurde zuerst in England gegen die Ansprüche der Krone erstritten. Die „Herrschaft des Gesetzes“ garantierte dem Einzelnen, dass seine Anstrengungen (und sein Glück) auf lange Sicht Erfolg haben und nicht willkürlich zerstört werden können. Die Landbesitzer, die Parlamentarier wurden, hatten allen Grund, sich für ihr Eigentum einzusetzen. Rechtsstaat, Gewaltenteilung und repräsentative Regierung, zuerst im Vereinigten Königreich etabliert, war ein fast optimales gesellschaftliches und politisches Ordnungsmodell.

4. Als vierte Ursache fügt sich die Medizin ein. Sie und hygienische Maßnahmen einschließlich Kanalisation und sauberes Trinkwasser ermöglichten es, zunächst in Europa und später in den
europäischen Kolonien die Volksgesundheit zu verbessern und die Lebenserwartung deutlich zu erhöhen. Viele lebensbedrohliche tropische Krankheiten wurden dank des imperialen Eingriffs
zurückgedrängt. Alle größeren Durchbrüche in der Gesundheitsversorgung fanden im 19. und 20. Jahrhundert (einschließlich der Beherrschung tropischer Krankheiten) in Westeuropa und Nordamerika statt.

5. Fünftens erscheint der Konsum als ein langer Weg zu Individualität und Wohlstand. Er begann mit Manufakturen zuerst in Schottland, in Europa und in den USA und am Ende des Zweiten Weltkrieges auch in Europa und Japan. Seit 30 Jahren gehen auch die kommunistischen Imperien Russland und China diesen Weg. Konsum über das Lebensnotwendige hinaus spielt eine wichtige wirtschaftliche Rolle. Ermöglicht wurde das durch die industrielle Revolution und ihre Massenproduktion.

6. Der letzte Faktor ist die Arbeit, genauer gesagt die Arbeitsethik. Europa und der Westen etablierten sich durch Fleiß, Disziplin und Leistungswillen auf der Weltbühne. Diese protestantische Haltung (Max Weber) wurde getragen von Sparsamkeit und Zurückhaltung im Konsum. Strenge Selbstbeherrschung, eiserne Disziplin und absolute Unbestechlichkeit waren die Kennzeichen des preußischen Beamtentums unter Friedrich II. Diese Tugenden setzten sich mehr oder minder breit durch.

Das Buch wird abgerundet durch eine resümierende Schlußbetrachtung. Die große Frage ist für Ferguson, ob die Bewohner des Westens immer noch bereit sind, die Überlegenheit oder zumindest die Vorteile dieser Grundlagen zu erkennen.

Das Abendland bekehrte viele Völker in allen Weltreligionen zum westlichen Lebensstil – mit dem Schwert, vor allem aber durch das Wort und das Vorbild. Hätte die abendländische Zivilisation die übrige Welt auch ohne die in diesem Buch beschriebenen Innovationen, Grundlagen und Werte beherrscht? Warum hat nicht die chinesische oder eine andere Zivilisation die Vormachtstellung erlangt? Warum eroberten Asiaten und Afrikaner nicht die Küsten Europas, gründeten Kolonien und zwangen den einheimischen Fürsten ihre Gesetze auf?

Der spektakuläre Zuwachs an Wohlstand, Einfluss und Macht war kein geplanter Prozess. Ebenso prägten Brüche, Sackgassen und Niederlagen den Prozess der westlichen Modernisierung. Die
Vorherrschaft des Westens war nicht immer ein Segen für die Welt (S. 22). Wie alle großen Zivilisationen ist auch die abendländische janusköpfige, zur edlen Gesinnung ebenso fähig wie zur Grausamkeit. Mit der Rassentheorie züchtete die europäische medizinische Wissenschaft einen gefährlichen inneren Feind heran. Mit dem Ersten Weltkrieg wurde klar, dass der Westen den Keim seiner eigenen Vernichtung in sich trug (S. 274). Die moderne Industrie lieferte die Mittel für eine modernisierte Zerstörung. Die Europäer wurden selbst zu Barbaren.

In der Praxis ist mittlerweile der Großteil der Welt in ein westliches Wirtschaftssystem integriert, in dem der Markt die Preise festsetzt und die Handelsströme und die Arbeitsteilung regelt. Der Staat greift vielerorts in den Markt ein, um Oligopole zu verhindern, Konjunkturschwankungen zu mildern und die ungleiche Einkommensverteilung zu reduzieren. Universitäten in aller Welt übernehmen die westlichen  Normen. Dasselbe gilt für die Medizin und die Konsumgewohnheiten. Der „Triumph des Westens“ beruht nicht unbedingt auf eigene Kraft und Überlegenheit, sondern teilweise auch auf der Schwäche seiner Rivalen.

Der Autor blendet nicht die Unterdrückung und Ausbeutung der Kolonialvölker und die Gewalt zwischen den europäischen Nationen und zwischen dem Westen und der übrigen Welt aus. Er ist gleichwohl der Meinung, dass die Kolonialvölker von den westlichen Errungenschaften profitiert haben und oftmals aus Verblendung heraus die Vorteile ablehnten oder bekämpften. Ferguson vermeidet aber einen allzu moralisierenden Ton, zumal der Westen auch bei den Menschenrechten und ihrer Durchsetzung an Spitze der Entwicklung standen und stehen.

Diskussion: Das Buch des britischen Historikers Niall Ferguson besteht aus einer Fülle von Informationen, Belegen und Anekdoten, welche erst in der Gesamtschau ein greifbares Bild ergeben.
„Der Westen“ ist mehr als eine geographische Bezeichnung. Der Begriff umfasst eine Reihe von Normen, Verhaltensweisen und Institutionen, doch seine Grenzen sind extrem verschwommen. Und sind die westlichen Werte wirklich einheitlich? Besteht nicht ein wesentliches Merkmal der westlichen Zivilisation in der Uneinigkeit? Andererseits sind die gegenwärtigen  Meinungsverschiedenheiten harmlos im Vergleich zu den großen Schismen der Vergangenheit mit ihren vielen Kriegen. Vor 100 Jahren wäre der Brexit höchstwahrscheinlich ein Kriegsgrund gewesen, aber heutzutage wird stattdessen bis zum Umfallen verhandelt.

Ferguson zeichnet ein differenziertes Bild und verschweigt keineswegs die Schattenseite der westlichen Welt. Der Kolonialismus beispielsweise kennt nach Ferguson nicht nur Unterdrückung und Ausbeutung, sondern ebenso moderne Medizin, rationale Verwaltung, Post und Eisenbahn, Komfort und Konsum.

Der Autor folgt nicht der heute unter Intellektuellen verbreiteten Apokalyptik und er vermeidet im Schlusskapitel prophetische Aussagen. Zufälle, Überraschungen und Entdeckungen können die Zukunft in unvorhergesehene Bahnen lenken. Geschichte gehorcht keinem Plan. Edward Gibbon legte 1776-89 eine fulminante Geschichte des Aufstiegs und Falls des Römischen Reiches vor, um seine britischen Landsleute auf dem Höhepunkt des Empires zu beruhigen, dass sich ein solcher Niedergang nicht wiederholen könne. Die Ablösung Großbritanniens als Weltmacht durch die USA und den Brexit konnte er natürlich nicht vorausahnen.

Die Vormachtstellung des Westens ist im Schwinden begriffen. Die USA befinden sich in einem ökonomischen Abwehrkampf gegen China und auch Europa hat Mühe, sich auf eine gemeinsame Linie zu einigen. Innerhalb Europas bedrohen Populisten und Fake News nicht nur die Demokratie, sondern auch Wissenschaft und Wirtschaft. Die Errungenschaften drohen unterzugehen, wenn die Menschen nicht mehr an sie glauben, betont Ferguson in seinem Schlusskapitel.

Wie ließen sich die weltweit nach wie vor geschätzten Verheißungen des Westens aufrechterhalten oder erneuern? Die auf Wissenschaft beruhende Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstkorrektur ist noch nicht verloren gegangen, sind aber begleitet von Selbstzweifel und oftmals übersteigerter Selbstkritik. Die Demokratie und ihre Vorteile werden geschwächt, wenn sich die Bürger resigniert zurückziehen. Wird man mit mehr „direkte Demokratie“ die Ängste in der Bevölkerung und bei den Wählern abbauen können? Aber auch hier bedarf es des engagierten Bürgers. Die Helden sind die des Alltags. Sie stellen sich uneigennützig in den Dienst der Allgemeinheit.

Fazit: Der Westen und der Rest der Welt ist ein spannendes und informatives Lesebuch mit einer Fülle von Informationen, Vergleichen und Anekdoten. Im Wettstreit der Kulturen hatte der Westen – der Begriff umfasst eine Reihe von Normen, Verhaltensweisen und Institutionen, doch seine Grenzen sind extrem verschwommen – gut fünf Jahrhunderte die Nase vorn, doch jetzt scheint sein Einfluss zu schwinden. Der Westen prägte die Welt durch Wettbewerb und dem Streben nach Exzellenz, durch rationale und empirische Wissenschaft, durch die Garantie des Eigentums und den Rechtsstaat, durch Medizin und Hygiene, durch Freiheit und Selbstbestimmung im Konsum und durch eine verlässliche Arbeitsethik. Werden die Volkswirtschaften der Vereinigten Staaten und Europas in wenigen Jahrzehnten von China überholt werden? Die Globalisierung wird als bedrohlich empfunden, worauf unter anderem mit Nationalismus geantwortet wird. Die protestantische Ethik der Sparsamkeit, einst ein unverzichtbarer Bestandteil des westlichen Wohlstandes, ist staatlicherseits praktisch verschwunden. Viele Intellektuelle misstrauen der eigenen westlichen Zivilisation. Die Dominanz des westlichen Lebensstils wird als Kulturimperialismus abgelehnt. Der Westen muss sich nicht nur mit China als künftiger Großmacht auseinandersetzen, sondern auch mit einem aggressiven Islamismus und einem ideologisch motivierten, unruhigen Russland. Die Herausforderungen könnten bestanden werfen, so Ferguson, wenn sich die Bürger der modernen Welt auf ihre erprobten Errungenschaften besinnen und diese mit Zuversicht verteidigen.