Die Welt teilen

 

Autor: Amartya Sen

Rezensent: Gerald Mackenthun

Datum: Februar 2021

 

Amartya Sen (2020) Die Welt teilen. Sechs Lektionen über Gerechtigkeit. 3. Auflage München
2020: C.H.Beck Verlag, 128 Seiten, 12,00 €

Amartya Sen, 1933 in Indien geboren, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard- Universität, erhielt 1998 den Nobelpreis für Ökonomie und 2020 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er ist, im Gegensatz zum Papst Franziskus, kein Kritiker der Marktwirtschaft. Im Gegenteil, er favorisiert die weltweite wirtschaftliche Zusammenarbeit. Doch nur wenige Menschen könnten die Globalisierung als Segen für alle anerkennen. Warum können so viele Menschen das nicht einsehen?, fragt Sen in seinem Essayband Die Welt teilen. Sechs Lektionen über  Gerechtigkeit (Oktober 2020, C.H. Beck). Darin berichtet der Philosoph und Ökonom Sen in sechs Essays primär von den Missständen Indiens. Sie handeln von Hunger und Armut und zeigen, wie wichtig eine freie Presse und Bildung sind. Sie weisen dabei über die Probleme Indiens hinaus. Denn die Frage, wie sich die Globalisierung gerechter gestalten lässt, stellt sich auf der ganzen Welt.

Vor zwei Jahrhunderten waren Armut und eine garstiges, brutales und kurzes Leben weltweit die Regel. Zur Überwindung dieses Elends haben nach Sen in hohem Maße umfangreiche   wirtschaftliche Verflechtungen (Globalisierung) und der Einsatz moderner Technik beigetragen. Damitwurde die wirtschaftliche Not der Armen auf der ganzen Welt zurückgedrängt, wenn auch noch nicht beseitigt. Der Grund liege darin, so Sen, dass man ihnen die Vorteile der modernen Technik, die Effizienz des internationalen Handels und die sozialen und wirtschaftlichen Vorzüge eines Lebens in offenen Gesellschaften (einschließlich Pressefreiheit) vorenthält. Die Menschen in armen Ländern würden sich nach den Früchten moderner Technik, nach besserem Zugang zu den Märkten, gut ausgestatteten Schulen und nach demokratischen Regierungen sehnen. Es entspreche nicht den Tatsachen, dass die Armen ärmer würden. Das mag in einigen Fällen so sein,der Normalfall für Abermillionen sei jedoch eine Verbesserung des Lebensstandards. Die Verantwortung für fortbestehende Armut liege nicht in der Natur der globalen Beziehungen, sondern oft genug in autoritären und desinteressierten nationalen Regierungen und in kargen Umweltbedingungen.

Was wäre ein fairer Anteil am Nutzen wirtschaftlicher Beziehungen? Die internationale wirtschaftliche Ungleichheit beruhe nicht auf der freien Marktwirtschaft mit ihren Sozialsystemen, sondern auf dem ungleichen Zugang zu diesem System, betont Sen. Ist die Verteilung der Gewinne fair und akzeptabel? Nach welchen Kriterien wird Fairness und Akzeptanz definiert? Geht es nur um eine Umverteilung von den Reichen zu den Armen ohne Gegenleistung? Wie könnten all die despotischen Regimes demokratisiert werden, die ihrer Bevölkerung Beschränkungen und Unterdrückung auferlegen? Und ist es primär Aufgabe der westlichen Staaten, in der Dritten Welt für Ordnung und Wohlstand zu sorgen, oder hat jede Nation die Aufgabe, zunächst im eigenen Land dafür zu sorgen?

Sen hält die Frage, ob auch die Armen von der globalen Wirtschaftsordnung profitieren, für eine falsche. Vielmehr gehe es darum, den armen Ländern gerechte Verträge mit den wohlhabenderen Ländern zu ermöglichen. Dazu bedürfe es internationaler Regelungen. Die Globalisierungskritiker hätten auch deswegen bislang so wenig Erfolg, weil sie die Vorteile des internationalen Handels ignorieren oder negieren. Sie sollten sich eher auf gerechte internationale Vereinbarungen und Handelsbeziehungen konzentrieren. Das deutsche „Lieferkettengesetz“ könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein. Bleibt damit die Verantwortung für die Entwicklung in der Welt erneut bei den industrialisierten Staaten hängen? Ist es der richtige Weg, den ärmeren Staaten ein westliches Wirtschaft- und Sozialsystem aufzuerlegen?

Marktwirtschaft sei mit vielen verschiedenen Eigentumsverhältnissen, Ressourcenverfügbarkeiten, sozialen Möglichkeiten und nationalen Vorschriften vereinbar. Schon allein aus diesen  Unterschieden heraus ergäben sich unterschiedliche Preise, Handelsbedingungen und Einkommensverteilungen. Noch mangelt es in vielen Ländern an sozialer Sicherheit, öffentlichen Investitionen, Gleichberechtigung und demokratischen Institutionen.

Jedenfalls setze eine Verringerung des Maßes an Ungleichheit und Armut nicht die Abschaffung der Marktwirtschaft und des internationalen Handels voraus. Es sind vielmehr die Lösungen im Rahmen des Marktes, die wirtschaftliche und soziale Bedingungen zum Positiven verändern können. Es komme eben, so Sen, auf die Ausgestaltung der Verträge an. Diese wiederum hängen stark ab von der Politik, von den Bildungschancen, vom Gesundheitssystem, von einer gerechten Landverteilung, vom Zugang zu Krediten, vom Rechtsschutz und so fort. In jedem dieser Bereiche gibt es von der Politik zu regelnde Dinge.

Wenn es Ungerechtigkeiten gibt, dann hängen sie laut Sen eng zusammen mit Versäumnissen auf diesen Gebieten. Wer von der Weltwirtschaft wie stark profitiert, hängt von einer Vielzahlvon Variablen ab. Sen endet seinen Essay mit den Worten: „Die Aufgabe, globale Gerechtigkeit herzustellen, haben wir alle gemeinsam. Sie ist eine Aufgabe, die politische und soziale Reformen wie auch wirtschaftliches Engagement verlangt. Jeder Markt funktioniert so gut wie seine Umgebung.“