Macht der Kapitalismus depressiv?

Autor: Martin Dornes

Rezensent: Gerald Mackenthun

Datum: Mai 2019

Dornes, Martin (2016) Macht der Kapitalismus depressiv? Über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften. Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag, 160 S., 15,99 €

Viel Unsinn wird geschrieben über jenen Bereich, mit dem sich viele Menschen beschäftigen und der sie ängstigt: die Gesundheit. 90 bis 95 Prozent der Bücher aus diesem Genre lohnen weder den Druck noch der Lektüre. Dieses Buch aber, geschrieben von dem Soziologen und Psychologen Martin Dornes (bekannt geworden vor allem durch Der kompetente Säugling, 2015), sollte von allen jenen gelesen (und hoffentlich verstanden) werden, die sich um ihreGesundheit sorgen und die den Kapitalismus für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen.

Geht die Entwicklung moderner Gesellschaften mit einer Zunahme psychischer Erkrankungen einher? Antwort: Nein. Aber hat nicht der Neoliberalismus den Konkurrenz- und Leistungsdruck in Betrieb und Schule verschärft, die Ungleichheit in der Gesellschaft erhöht? Und hat die allgemeine Beschleunigung des Lebenstempos für ein gehäuftes Auftreten von psychischen Erkrankungen im allgemeinen und von Depressionen im besonderen gesorgt? Antwort: Im wesentlichen Nein.

Die These, psychische Krankheiten hätten zugenommen, halten einer genaueren Überprüfung nicht stand. Was jedoch zugenommen hat, so Dornes, ist die Sensibilität für Symptome, die früher gar nicht als Krankheit wahrgenommen wurden. Es sind die diffusen Befindlichkeitsstörungen, die in der International Classification of Diseases (ICD), der auch in Deutschland benutzten Einteilung von Krankheiten, keine eigene Kodierung haben. Da nichts anderes für eine statistische Einordnung zu Verfügung steht, müssen Ärzte auf die Diagnose Depression (und teilweise Angst) zurückgreifen. Unzählige Artikel und Bücher über Depression und Burnout haben Bevölkerung wie Ärzteschaft (einschließlich Psychologen) weniger für die eigentliche Depression sensibel gemacht, wohl aber für ein diffuses Syndrom von Lustlosigkeit, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, Schlafstörung, Ruhelosigkeit und Entscheidungsunfähigkeit. Die Sensibilisierung geht einher mit einer Ausweitung des Versorgungsangebots als Folge einer Reihe von Klagen auch in Fachzeitschriften, dass es zu wenige Psychologen gebe. Es kann also nicht ausbleiben, dass die Zahl der Krankheitsdiagnosen in diesem Bereich zunimmt. Dies spiegelt jedoch keine Zunahme der wirklichen Erkrankungen wider, sondern eher einen kulturellen Wandel im Krankheitsverständnis bzw. in der Definition von psychischer Krankheit. Es werden mehr Krankheiten codiert, obwohl es nicht mehr geworden sind.

Der Behauptung also, die Gesellschaft mache in zunehmendem Maße psychisch krank, fehlt das sachliche Fundament. Dornes will aber nicht negieren, dass die Leistungserwartungen in Beruf und Schule gestiegen sind, wenngleich er dafür keine ausreichenden Belege findet. Und selbst wenn die Behauptung richtig wäre, müsste das nicht zu einem Anstieg psychischer Erkrankungen führen. In der Regel steigen mit den Anforderungen auch die Kompetenzen. Unter anderem gebe es keinen direkten Zusammenhang zwischen der von der Werbeindustrie bevorzugten „Magermodels“ und einer Zunahme von Anorexie. Auch der steigende Gebrauch psychoaktiver Medikamente wie Antidepressiva oder Ritalin können kein Indiz für ein um sich greifendes Überforderungsgefühl herhalten. Steigender Medikamentengebrauch laufe parallel zu einer insgesamt steigenden Inanspruchnahme medizinischer Versorgungsleistungen, etwa bei Hüft- oder Knieprothesen. Dies seien legitime Versuche, mit den gesundheitlichen Problemen des Lebens leidmindernd umzugehen. Wie auf allen menschlichen Gebieten, kann
es auch hier zu Übertreibungen oder Entgleisungen kommen.

Im dritten Kapitel analysiert Dornes eine Form der Gesellschaftskritik, die aus der Verklärung der Vergangenheit ihre Kritik am Neoliberalismus oder Kapitalismus bezieht. Nach Ansicht von Dornes waren die guten alten Zeiten in kaum einer Hinsicht besser als die heutigen, weder in der Welt der Familie noch in der Arbeitswelt, noch in der Kindererziehung, im Geschlechterverhältnis oder im Umgang mit Minderheiten. Ich bin mit Steven Pinker der Meinung, dass sich in Europa und selbst weltweit die Dinge grundsätzlich zum Besseren gewendet haben und der allergrößte Teil der Menschheit in einer Welt lebt, die noch nie so sicher und friedlich war wie heute. Auch der behauptete Zusammenhang zwischen zunehmend ungleicher Einkommensverteilung und häufigeren psychischen Erkrankungen (vor allem Depressionen) hält einer genaueren Überprüfung nicht stand. In den egalitären skandinavischen Ländern sind sie genauso häufig wie in den inegalitären anglophonen.

Dennoch scheint es einige soziale Entwicklungen zu geben, die psychosoziale Auswirkungen haben. Dornes zählt dazu den Wandel von einer autoritären zu einer permissiven Gesellschaft, welche eine etwas andere psychische Zusammensetzung ihrer Individuen einerseits hervorbringt, andererseits verlangt. Dann der Wandel des Sozialstaates von einem Staat, der die Lebensrisiken seiner Bürger vermindert, hin zu einem Staat, der vorsorglich jedes noch so kleines Risiko prophylaktisch auszuschalten versucht. Auch verändere sich die Arbeitswelt von einer hierarchisch organisierten, monotonen Fließbandarbeit zu einer netzwerkartig organisierten, komplexen Arbeitswelt.

Alles das bringt neue Chancen, aber auch andere Probleme mit sich. Dornes stellt dar, dass die Probleme überbetont und die Chancen zu wenig gewürdigt werden. Unter den Veränderungen leiden keineswegs alle. Dornes sieht Probleme vor allem bei den Personen aus dem ärmeren, unteren Fünftel der Bevölkerung, denen es an psychischen, sozialen und beruflichen Kompetenzen fehlt, die zu einer selbstbestimmten Lebensbewältigung nötig sind. Werden tatsächlich erhöhte Anforderungen an die Selbststeuerungsfähigkeit der Individuen gestellt? Eine kleine Gruppe der Bevölkerung, wahrscheinlich weniger als fünf Prozent, benötigen komplexe Interventionsmaßnahmen staatlicher Stellen und helfender Berufe, während im Großen und Ganzen die Familien tendenziell demokratischer und wertschätzender werden.

Dornes Schlussabschnitt fällt moderat optimistisch aus. Wie schon immer gibt es gesellschaftliche Umbrüche und unruhige Zeiten, die die Älteren manchmal überfordern, in denen die Jungen aber wie selbstverständlich hineinwachsen. Eine Fundamentalkritik am gegenwärtigen Kapitalismus lässt sich mit den von ihm dargestellten Befunden und Überlegungen nicht begründen. Fundamentale Reformen oder gar eine Revolution sind nicht
nötig. Marktwirtschaft, Rechtsstaat und repräsentative Demokratie funktionieren gerade in Deutschland vergleichsweise hervorragend.

Dieses so wichtige Buch könnte viele Panikmacher, Apokalyptiker, ideologisch Besessene und Schwarz-Weiß-Extremisten überzeugen, wenn sie sich dann überzeugen lassen wollten. Die sogenannten sozialen Medien sind dabei, das Miteinander und insbesondere die politische Debatte auch über diese Themen gründlich zu vergiften. Hier tobt sich der Mob aus, und sein den Gegner verachtender Fundamentalismus beschädigt die Seelen. Hier wäre eine fundamentale Kritik einmal wirklich angebracht.

In seiner Darstellungsart ist das Buch vorbildlich. Dornes Sprache ist knapp, auf das Wesentliche reduziert, von Fakten unterfüttert, sachorientiert und völlig unpolemisch. Es hat mir viel Freude gemacht und ich wünsche ihm große Verbreitung.