Moses und Homer – Griechen, Juden, Deutsche: Eine andere Geschichte der deutschen Kultur.

Datum: 19.02.2019

Autor: Bernd Witte

Rezensent:  Gerhard Danzer

 

Bernd Witte: Moses und Homer – Griechen, Juden, Deutsche: Eine andere Geschichte der deutschen Kultur. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2018, 384 Seiten.

Bernd Witte (geboren 1942) war lange Zeit Lehrstuhlinhaber für Neuere Deutsche Literatur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und leitet seit 2010 die Arbeitsstelle der Martin Buber Werkausgabe an der dortigen Philosophischen Fakultät. Als Mitherausgeber des Goethe-Handbuchs (5 Bände, Stuttgart 1996-1999), der Benjamin-Blätter (Band 1-5, Würzburg 2005-2010) sowie als Autor gewichtiger Monographien (z.B. Goethe – Das Individuum der Moderne schreiben, Würzburg 2007) hat er sich einen Namen gemacht.

Im Verlag Walter de Gruyter publizierte Bernd Witte nun das Buch Moses und Homer, in dem er die Spuren der altjüdischen wie auch der altgriechischen Tradition in der deutschsprachigen Kultur seit der Epoche der Aufklärung verfolgt. Begonnen bei Johann Joachim Winckelmann über Lessing, Goethe, Herder, Hegel, Hölderlin und Heinrich Heine bis ins 20. Jahrhundert (Sigmund Freud, Gertrud Kantorowicz, Margarete Susman, Erich Auerbach sowie Martin Heidegger) hinein demonstriert der Autor, inwiefern die jüdische Tradition – verglichen mit der hellenischen – immer wieder einem Vergessens- und Eliminationsprozess unterworfen war, der letztlich zu Antisemitismus und sogar zu den bestialischen Gräueln des Holocaust beigetragen hat.

Als eindrückliches Beispiel der Entwertung jüdischer Denktradition  (Monotheismus) bei gleichzeitiger Bevorzugung der altgriechischen Denk- und Religionstradition (Polytheismus) im 20. Jahrhundert zitiert der Autor ausführlich Martin Heidegger. In dessen Schwarzen Heften finden sich eindeutige Hinweise auf die antisemitische Einstellung des Philosophen, der in seiner verquasten Denkungsart sogar so weit ging, die Vernichtung der Juden im Holocaust als indirekte Folge jener Technisierung in der Moderne einzuordnen, die angeblich als eine Konsequenz des jüdischen Denkens zu interpretieren sei: Aus den Opfern machte Heidegger perfide damit Täter, die sich durch ihre semitische Denk- und Lebensgewohnheit schlussendlich selbst vernichteten.

So sehr man der energischen Kritik Bernd Wittes an Heidegger und dessen Antisemitismus Recht geben mag, so sehr darf man eine andere Argumentationsrichtung aus seiner Feder mit Fragezeichen versehen. Der Autor ist nämlich überzeugt, dass eine kritisch-skeptische Infragestellung und die Verdrängung des (mosaischen) Monotheismus bei Bevorzugung einer natürlichen Gegenreligion (altgriechischer Polytheismus) sowie der hellenischen Kultur (wie in der deutschen Klassik geschehen) „eine der wesentlichen Wurzeln des Antisemitismus in Deutschland gewesen“ ist.  Bei Phänomenen wie dem Antisemitismus und anderen militanten Vorurteilen ist jedoch mindestens so sehr an eine umgekehrte Kausalität zu denken: Weil es seit dem Aufkommen und der Dominanz monotheistischer Religionen (jüdisch, christlich, muslimisch) für deren Anhänger und Gläubige nicht selten eine dichotome Aufteilung der Welt in Gut und Böse, Wahr und Falsch gibt, die mit der Aufforderung an sie verknüpft ist, keine anderen Götter und damit auch keine anderen Welt- und Lebensanschauungen gelten zu lassen, sind sie (die Anhänger und Gläubigen) häufig zu entwertend-aggressiven Verhaltensweisen und Vorurteilen (bis hin zu offener Gewalt und Pogromen) den angeblichen Ungläubigen gegenüber bereit. Ihnen mangelt es nicht selten grundlegend an ausgleichender und entspannter Toleranz, die in polytheistischen viel eher als in monotheistischen Religionen vermittelt wird – allein schon, weil sich in den polytheistischen Religionen die verschiedenen Götter meist gegenseitig in ihrem Wahrheitsanspruch relativieren.

Trotz dieses Vorbehalts liest sich das Buch Wittes mit Gewinn – verdeutlicht es doch anschaulich, wie weit die Wurzeln der kulturellen Verdrängung und Entwertung jüdischer Denk-Traditionen in Deutschland zurückreichen – eine Entwertung, die im 20. Jahrhundert zur Katastrophe des Holocaust wesentlich mit beigetragen hat.