Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur

Datum: 08.01.2017

Autor: Steven Jay Gould

Rezensent:  Gerald Mackenthun (Berlin)

 

Gould, Stephen Jay (1991): Zufall Mensch. Das Wunder des Lebens als Spiel der Natur. München Wien (Hanser), 352 S., ISBN 978-3446159518

Im gewissen Sinne leben wir heute im Zeitalter der Arthropoden (Insekten, Tausendfüßler, Spinnen, Milben, Muscheln, Krebse, Hummer, Garnelen), nicht der Säugetiere. Gliederfüßler sind uns in jeder Hinsicht überlegen – mit der Zahl der Arten, die Zahl der Individuen und die Aussicht auf evolutionäre Fortentwicklung. Rund 80 Prozent aller bekannten und heute lebenden Tierarten sind Arthropoden, die überwältigende Mehrheit davon Insekten.
Ein paar dieser 500 Millionen Jahre alten Arthropoden-Arten wie Insekten, Spinnen und Skorpione existieren heute noch, einige sind ausgestorben wie die Trilobiten. Anhand der Funde im sogenannten Burgess Shale, einem kleinen natürlichen Steinbruch in den kanadischen Rocky Mountains in etwa 2 500 Metern Höhe, lässt sich erkennen, dass vor etwa 500 Millionen Jahre weitere 20 bis 30 Arten von Arthropoden lebten, die irgendwann ausstarben. Auf der Basis einiger überlebender Modelle begann das Leben, endlose Varianten zu erzeugen, bei den Käfern allein über eine Million.
Diese stete Entwicklung wurde seit Darwin meist als „Verbesserung“ begriffen und in den Bildern von der Leiter (immer höher und besser) und dem Kegel (immer mehr und immer differenzierter) ausgedrückt. Der amerikanische Biologe Stephen Jay Gould (1941-2002) bringt in dem Buch Zufall Mensch eine Fülle von Argumentation dafür, dass diese Bilder nicht stimmen. Die Geschichte des Lebens – so seine These – ist eine Geschichte der massenhaften Beseitigung, gefolgt von einer Differenzierung innerhalb weniger überlebender Stämme, und eben nicht die altbekannte Erzählung von stetig zunehmender Leistung, Komplexität und Vielfalt der Tierarten mit dem Menschen als Endpunkt. Nach Gould ist das Leben vielmehr ein sich üppig verzweigender Busch, der durch den evolutionären Prozess immer wieder mal kräftig beschnitten wurde. Was immer sich an Spezies bis heute gehalten hat, sie stellen das Ergebnis eines labyrinthischen Pfades durch einen komplex wuchernden Busch dar.
Warum haben einige Burgess-Arten überlebt, die meisten aber nicht? Gould vermutet, dass die Gründe für das Überleben oder Aussterben nichts mit den Darwin’schen Grundlagen des „Erfolgs“ in normalen Zeiten zu tun haben. Fische mögen noch so gut an das Wasser angepasst sein; wenn der See austrocknet, kommen sie alle um. Doch der Lungenfisch, der von den anderen Fischen damals als minderwertig angesehen worden sein dürfte, konnte durchkommen. Er und seinesgleichen konnten überleben, weil ein Merkmal, das sich bei ihnen vor langer Zeit zu einem anderen Zweck entwickelt hatte, bei einem unvorhergesehenen Ereignis zufällig das Überleben ermöglichte.
Überleben ist kein Verdienst. Das Überleben einer Spezies ist kein Beweis dafür, „besser angepasst zu sein“ als diejenigen, die ausstarben. Die Redewendung vom „Überleben des Tauglichsten“, schreibt Gould, sei eine sinnlose Tautologie, weil Tauglichkeit durch Überleben definiert wird. Darwins „survival of the fittest“ bedeutet „Überleben derer, die überleben“. Mit „besser angepasst“ meinte Darwin lediglich “besser für wechselnde lokale Umwelten geeignet”. Die Anpassung an lokale Gegebenheiten kann die langfristige Erfolgsaussicht behindern wie fördern. Denn hinzu kommt die Launenhaftigkeit von Wetter und Geographie. Kontinente zerbrechen, Meeresströmungen wechseln, Klima ändert sich, Gebirge entstehen, Flüsse trocknen aus, Vulkane bersten, Meere steigen… Diese Ereignisse sind von Lebewesen nicht im Geringsten beeinflussbar.
Wenn man sich die Burgess-Fauna anschaut, müsse man laut Gould zugeben, dass man damals nicht den Hauch eines Hinweises dafür hatte, dass die Verlierer bei der großen Dezimierung den Überlebenden in ihrem adaptiven Aufbau irgendwie unterlegen waren. Sterben werden wir am Ende alle. Auch der Tod ist kein Kriterium für mangelhafte Anpassung. Zweifellos haben einige Arten mehr Glück als andere. Die Burgess-Dezimierung könnte eine echte Lotterie gewesen sein.
Fälle von massenhaftem Aussterben kennt man seit den Anfängen der Paläontologie, sie markieren die Grenzen zwischen den großen geologischen Zeitaltern. In den letzten 550 Millionen Jahren gab es fünf große Massensterben, bei denen jeweils mindestens 40 Prozent aller Gattungen verschwanden. In der Katastrophe des Perm vor 300–250 Millionen Jahren könnten 95 Prozent oder mehr aller marinen Arten ausgelöscht worden sein. Dinosaurier waren die Gruppe der Landwirbeltiere (Tetrapoda), die im Mesozoikum (Erdmittelalter) von der Oberen Trias vor rund 235 Millionen Jahren bis zur Kreide-Tertiär-Grenze vor etwa 65 Millionen Jahren die festländischen Ökosysteme dominierte. In allen Fällen waren vermutlich Einschläge von Himmelskörpern oder von Kometenschauern der Grund für das Massensterben. Sie haben ökologische Veränderungen hervorgerufen, die so schnell verliefen und so drastisch waren, dass es den Organismen nicht gelang, sich mit den gewohnten Kräften der natürlichen Auslese anzupassen.
Leben entstand vor mindestens 3,5 Milliarden Jahre, als sich die Erde so weit abkühlte, dass chemische Strukturen stabil blieben. Die ältesten Fossilien sind prokaryontische Zellen ohne Kern: Bakterien und Blaualgen. Dann passierte zwei Milliarden Jahre fast überhaupt nichts. Die ersten eukaryontischen, komplexen Einzeller erschienen vor rund 1,4 Milliarden Jahren, darunter die Amöbe. Dann herrschte eine weitere Milliarde Jahre Ruhe, bis die ersten Vielzeller vor rund 570 Millionen Jahren auftauchten. Die Eroberung des Landes gelang nur einer kleinen Gruppe von Fischen einer unbedeutenden Seitenlinie, über deren Bauplan die Mehrheit der Fische nur gelacht hätte. Auch den Säugetieren war es nicht bestimmt, über die Dinosaurier zu triumphieren, vielmehr lebten die Säugetiere erst einmal 100 Millionen Jahre – zwei Drittel ihrer bisherigen Geschichte – in den Nischen einer Dinosaurierwelt.
Aufgrund genetischer Untersuchungen wird heute angenommen, dass Homo erectus (Javamensch und Pekingmensch) nicht unsere direkten Vorfahren sind, sondern Homo sapiens als abgegrenztes Objekt der Evolution von Vorfahren aus Afrika entstand. Auch der Neandertaler, der möglicherweise zur selben Zeit wie der Homo sapiens lebte, starb aus, ehe er Bewusstsein entwickeln konnte. Alle frühen Belege von Zivilisation einschließlich der Höhlenmalerei waren ein Werk des Homos sapiens.
Das ändert nichts daran, dass er ein winziger Punkt auf der Linie der Evolution ist, nicht ihr Zweck. Der Mensch ist Ergebnis tausender von erdgeschichtlichen Zufällen. Wie könnten wir in unseren geistigen Fähigkeiten etwas Unausweichliches oder auch nur Wahrscheinliches sehen? Das Leben auf diesem Planeten und der Planet selbst existiert in keinerlei Hinsicht für den Menschen oder unseretwegen. Das Resultat – der Mensch – ist abhängig von allem, was vorher geschah. Das Schicksal wird von den unmittelbaren Ereignissen bestimmt, nicht von einem inhärenten Plan. Schon in Darwins Vorstellung ist der Mensch ein unbedeutendes und dennoch faszinierendes Detail der Evolution, nicht ihr Zweck oder eine Verkörperung des Ganzen.