Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft

Datum: 22.01.2014

Autor: Thomas Bernhard

Rezensent:  Jutta Riester

 

Im Diderot-Jahr 2013 war öfter von Rameaus Neffe die Rede als einem Büchlein, das einem die aufklärerischen Gedanken Diderots nahe bringen könne.

Viel ansprechender war für mich ein Buch, das mir in einem kleinen, verkramten Schöneberger Buchladen untergekommen ist, und das mich angesprochen hat, weil ich seit meinen Klagenfurter Tagen Bernhards Literatur immer einmal kennen lernen wollte, und weil ich vergeblich versucht hatte, in Rameaus Neffe „reinzukommen“. Bestimmt gibt es Gemeinsamkeiten, z.B. die Kritik der Neffen am herkömmlichen, zuweilen aufgeblasenen und das Eigentliche aus dem Blick verlierenden Kunstbetrieb. Beide standen im Schatten eines berühmten Onkels, wobei Paul Wittgenstein (1907-1979) über seinen Onkel nichts Negatives verlauten ließ. Ein weiteres Gemeinsames ist die Redundanz. Bei Diderot, dem ich sicherlich Unrecht tue, geht der Dialog weiter und entwickelt sich, aber man wartet vergeblich auf eine Handlung. Bei Thomas Bernhard ist es der Schreibstil: er schreibt unendliche Bandwurmsätze und fast ohne Punkt und Komma. Kapitel gibt es bei ihm schon gar nicht. Die vielen Wiederholungen muten teilweise wie musikalische Variationen an.

Thomas Bernhard, österreichischer Schriftsteller, lebte von 1931 bis 1989. Er wuchs als uneheliches Kind – von der Mutter abgelehnt, vom Vater verleugnet – bei seinen Großeltern auf und wurde vom Großvater, der ebenfalls Schriftsteller war, geliebt und gefördert. Bernhard wurde fünfzehnfach ausgezeichnet. Wichtige Werke waren Frost, Holzfällen, Auslöschung und das Drama Heldenplatz.

Nachdem ich mich an den eigenwilligen Bernhardschen Schreibstil gewöhnt hatte, hat mich die Erzählung und dieser Teil seiner Autobiografie gefesselt, in ihrer Themenvielfalt bereichert und in der Schilderung der Freundschaft zwischen Paul Wittgenstein und Thomas Bernhard emotional berührt. Humorvolle Begebenheiten wie die Preisverleihung des Grillparzerpreises („eine echt österreichische Perfidie“, S. 106) an Bernhard oder die vergebliche Irrfahrt 350 km durch halb Österreich nach einer Ausgabe der Neuen Züricher Zeitung lassen einen an die eigene sporadische Verzweiflung bei bestimmten Unterfangen denken und das Schmunzelnkönnen, das einen manches Mal im Nachhinein ob des Kafkaesken oder der Godothaftigkeit von solchen Situationen erfasst. Bei Bernhard heißt es sinngemäß, man sollte sich nur an Orten aufhalten, wo es die Neue Züricher Zeitung gibt: Hier waren die Freunde einhelliger Meinung. Ihr Zorn richtete sich „gegen dieses rückständige, bornierte, hinterwäldlerische, gleichzeitig geradezu abstoßend größenwahnsinnige Land“ Österreich.

Beide Freunde litten zeitlebens unter einem prekären Gesundheitszustand. Die beiden sind zeitgleich auf der Baumgartnerhöhe, der Paul im Pavillon Ludwig, einer Abteilung der Irrenanstalt, Thomas Bernhard im Pavillon Hermann, der Abteilung für Lungenkranke. Erst nach vielen Wochen begegnen sie sich dort wieder, nachdem sie sich bei der gemeinsamen Freundin Irina kennen gelernt und in einem Gespräch über Mozarts Haffnersymphonie auf Anhieb verstanden hatten. Auf der Baumgartnerhöhe auf dem Wilhelminenberg setzt die Freundschaftsbeschreibung ein und umfasst die letzten zwölf Jahre von Pauls Leben.

Bernhard ist seinem Freund Paul unendlich dankbar – ohne ihn und seinen „Lebensmenschen“, wie er seine Lebensgefährtin bezeichnet, meint er, hätte er nicht überlebt – und er würdigt ihn unendlich liebevoll. Er sieht ihn als kongenial mit dessen Onkel Ludwig an, nur dass der Paul seine Gedanken nicht niederschrieb, sondern praktizierte. „Ich habe niemals vorher einen Menschen mit einer schärferen Beobachtungsgabe , keinen mit einem größeren Denkvermögen gekannt. Nur hat der Paul dieses sein Denkvermögen genauso ununterbrochen beim Fenster hinausgeworfen, wie sein Geldvermögen (das er großzügig an Freunde verteilte, JuRi), aber während sein Geldvermögen … sehr bald erschöpft gewesen war, war sein Denkvermögen tatsächlich unerschöpflich; … es vermehrte sich (gleichzeitig) ununterbrochen, je mehr er von seinem Denkvermögen zum Fenster (seines Kopfes) hinauswarf, desto mehr vergrößerte es sich, das ist ja das Kennzeichen solcher Menschen, die zuerst verrückt und schließlich als wahnsinnig bezeichnet werden, …es wird … naturgemäß immer bedrohlicher und schließlich kommen sie mit dem Hinauswerfen … nicht mehr nach und der Kopf hält das … nicht mehr aus und explodiert. So ist Pauls Kopf ganz einfach explodiert, … weil er … nicht mehr nachgekommen ist. So ist auch Nietzsches Kopf explodiert. So sind alle diese verrückten philosophischen Köpfe letzen Endes explodiert… .“ (38f.)

Diese Freundschaftsbeschreibung ist traurig und schön und ehrlich: am Ende Wittgensteins hat Bernhard seinen vereinsamenden Freund gemieden, weil er Furcht hatte, dem Tod ins Auge zu sehen. Ein Thema, das ihn, den Lungenkranken, seit seinem 18. Lebensjahr beschäftigte. Thomas Bernhard schreibt selbstreflexiv über seine Haltung am Ende dieser Freundschaft: „Wir meiden die vom Tod Gezeichneten und auch ich hatte dieser Niedrigkeit nachgegeben … Ich bin kein guter Charakter. Ich bin ganz einfach kein guter Mensch.“

Zwischendurch atmet diese Erzählung Wiener Luft und damit die Atmosphäre der Künstler-Bohème der damaligen Zeit, und man bedauert, nicht dabei gewesen zu sein, wenn die beiden Freunde ihrer „Kaffeehausaufsuchkrankheit“ frönen und aus ihren Beobachtungs- und Bezichtigungsausschweifungen über selbstgefällige und Torte mampfende Leute philosophische Dialoge z.B. über Schopenhauer entstehen. Auch Feststellungen wie das Unaushaltbare sowohl des Land- als auch des Stadtlebens und die Bevorzugung des Unterwegsseins zwischen zwei Orten regen zu eigenen Betrachtungen an. Relevant und wahrhaftig sind die Auslassungen Bernhards über die Psychiater seiner Zeit, denen sein Freund Paul häufig ausgesetzt war.

Eine wenn auch groteske, so doch anregende und unverzichtbare Freundschaft, die in ein Stück Literatur mündete, das ich nicht mehr missen möchte.

Jutta Riester, 21.01.2014